Porträt der Woche: Ab jetzt ist Charlie Bick nur noch Manager für Lebenskunst

Porträt der Woche : Ab jetzt ist Charlie Bick nur noch Manager für Lebenskunst

35 Jahre lang leitete Charlie Bick (65) die „Sommerszene“. Nächste Woche beginnt die letzte Ausgabe der Internationalen Straßentheatertage (6. 8. bis 10.8.) Wie schafft Bick den Abschied?

Im Verschwinden hat er Übung. Seit Charlie Bick (65) sich seit 2014 jährlich zusammen mit seiner Lebensgefährtin eine dreimonatige Auszeit auf den Kanaren gönnt, weiß er, dass der Satz „Ich bin dann mal weg“ in Dur komponiert wurde und weder zum Requiem noch zur Fanfare taugt. Vom lesenlesenlesen und wandernwandernwandern - vorzugsweise auf La Palma - wird die Seele satt. Und Bicks Zitatenbuch voll. Sinnsprüche sind eine Leidenschaft des studierten Germanisten und Romanisten. Nebenfach: Philosophie. Auch deshalb stellt Bick jedes Jahr unter ein Motto, auf dem er dann gedanklich rum kaut. 2019 lautet es: „Alles im Leben endet durch Zufall oder Ermüdung“ und stammt von Heinrich Heine. „Umgekehrt wird auch ein Schuh draus“, sagt Bick bei unserem Treffen am Saarbrücker Schlossplatz, einem der Hauptspielorte der von Bick 1985 gegründeten „ Sommerszene“: „Alles im Leben beginnt durch Zufall und Energie.“

Das gilt just auch für seine eigene Karriere als Festivalmanager. Als er, der in der Nähe von Würzburg geboren wurde, nach Saarbrücken kam, trug er den Straßenkultur-Virus bereits in sich, hatte sich in Frankreich damit infiziert und trat selbst auf, in der von ihm gegründeten Saarbrücker „Asphalt-Compagnie“. Dann kam ein Kulturamtsleiter daher, drückte ihm 20 000 Mark in die Hand und meinte, er solle ruhig mal ein Festival machen. Hat er dann auch.  Und ohne die Clowns, Comedy-Helden und bunten, innovativen Vögel der „Internationalen Straßentheatertage“ wird sich von nun an das Kulturpanorama entschieden verengen. Vor allem aber wird ein gut Stück sommerliches Lebensgefühl flöten gehen, die kleine Unbeschwertheit mitten im Alltag. Durch Bick und seine Festival-Partnerin Marion Künster gab es sie verlässlich auch im Saarland, die kostenlose, niedrigschwellige „Kultur für alle“ nach dem Frankfurter Modell eines Hilmar Hoffmann, das in den 80er Jahren allerorten zum kulturpolitischen Credo der Kommunen erhoben wurde. Doch Theoretiker war Bick nie, auch kein Gutmensch, der sozial Schwache durch Kultur stabilisieren will.

Als Bick startete, gab‘s noch das legendäre Kultur-Sommerloch, und die  heute übliche Dauer-Sause in den Ferienmonaten lag außerhalb jeder Vorstellung. Es hatte was von alternativem Leben und Abenteuer, öffentliche Events auf Straßen und Plätze zu erleben. Heute würde man sagen, es war vollcool. Bick hat daran mitgewirkt, dass sich Straßentheater als Kulturangebot etablierte. Er exportierte und perfektionierte sein Saarbrücker Knowhow. In Neckarsulm, Mosbach oder Ludwigshafen bauten er und Künster Festivals auf, das größte in Rastatt („Tete à Tete“). Es hat einen Etat von einer Million und ein städtisches Organisationsteam. Im Saarland ist eine Institutionalisierung nie gelungen, deshalb stirbt die „Sommerszene“ jetzt. Für Bick bietet das keinen Anlass, über die kulturpolitischen Versäumnisse der Politik zu schimpfen. Er habe nicht erwartet, dass die Stadt Saarbrücken oder der Kulturminister eine Nachfolge-Regelung findet, sagt er. „Die freiwillige Kultur ist additiv und temporär“, sprich nicht auf Ewigkeit angelegt.  Dass sich die jungen Kulturleute heutzutage anders aufstellten und andere Projekte bevorzugten und seine, Bicks Gründer-Generation der freien Szene derzeit in Saarbrücken auf breiter Front abtritt, betrachtet er mit bewundernswerter Abgeklärtheit.

Altersmilde darf man ihn nennen, altersweise nicht, weil er den Begriff nicht mag. Obwohl nicht wenig, was über den Prozess des langsamen Loslassens erzählt, ziemlich klug klingt. „Ich habe mich immer schon sehr intensiv mit einzelnen Lebensabschnitten auseinandergesetzt“, sagt er „Was ist in der Phase, in der ich stecke, möglich?  Ich trauere nicht dem nach, was nicht mehr geht,  sondern lege den Fokus auf das, was ich noch realisieren will.“ Vor allem hat er sich selbst dazu verpflichtet, seinen Träumen Termine zu geben: „Ich sage nicht, ich würde mal gerne, sondern ich sage, ich mache das genau dann.“ Deshalb ging er 2005, obwohl er beruflich so eingespannt war wie kaum je zuvor,  für sechs Wochen nach „down under“, nach Australien und Neuseeland, und entdeckte, als er in Singapur aus dem Flieger stieg, dass es geht, alles zurückzulassen. Mag sein, das erleichterte ihm, die Fesseln nacheinander zu lösen. 2009 hörte er in Heilbronn auf, 2014 in Rastatt, 2016 in Mosbach, und im Saarland, wo sich die Sommerszene zu einem mitunter 16-tägigen landesweiten Festival mit Spielorten bis Perl-Nennig ausgewachsen hatte, sprangen erste Kommunen ab. Gegen den Schrumpfungsprozess hätte Bick sich stemmen können. Aber: „Wir wollten uns nicht verkämpfen.“

Womöglich aber hat Straßenkultur ihre besten Tage hinter sich? So sieht Bick das nicht. Er verweist auf Städte wie Kaiserlautern. Dorthin fährt er jetzt unter anderem, wenn er Straßen-Acts  genießen will. Wobei ihm das noch fremd vorkommt. „Ich habe mal aus Spaß angefangen, der wich dann der Professionalität.“ Was bedeutete, dass er sogar die aller spannendsten Aufführungen wie ein Kaufmann anschaute, sprich sondierte, ob er sie unter welchen technischen Bedingungen einkaufen kann. In der Zwischenzeit erlebt er wieder Theaterglück pur und reist, um seine Lieblingsgruppe zu sehen, für eine Nacht nach Duisburg. „Infinita“ heißt das Stück der „Familie Flöz“, es handelt vom Älterwerden.

Jaja, das Alter, es ist dann doch ein Gesprächsthema. Damit auch die Frage, ob er was bedauert oder verpasst hat oder ob das Leben falsche Stellschrauben stellte? Laut Bick gibt es zwei Dinge, die sein leben womöglich auf den Kopf gestellt hätten. Da war einmal die Weggabelung, als er zusammen mit dem Saarbrücker Autor Erhard Schmied 1993/1994 austestete, ob er zum „Tatort“- und Vorabendserien-Autor taugte, um ins fabelhaft bezahlte Drehbuch-Geschäft einzusteigen. Bick entschied sich dagegen: „Ich wollte meinen Arbeitsplatz unter den Menschen haben, nicht in der Studierstube.“ Außerdem war da die Idee eines soziokulturellen Zentrums für Saarbrücken, die nicht durchkam: „Das wäre eine Lebensaufgabe gewesen“, meint Bick.

Er wird zukünftig zwar festivalfrei leben, aber doch nicht ohne Kultur-Betätigung sein. Für den Regionalverband organisiert er zwei Comedy-Reihen, die Arbeit mit seiner VHS-Theatergruppe, die er weit über 20 Jahre leitet, geht weiter. Sein wichtigstes Vorhaben für die Zukunft?  „Ich habe mir vorgenommen, im Alter nicht sarkastisch zu werden.“   Und selbstredend gilt für einen wie ihn: „Ich hadere nicht und ich bereue nichts.“ Auch jetzt,  noch, kurz vor der letzten Sommerszene-Ausgabe, gönnt sich Bick kein bisschen Wehmut. Weinen müssen schon die anderen. Werden sie auch.

Homepage der „Sommerszene“: www.sommerszene.de

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