30 Jahre Mauerfall: Wissenschaftler Frank Mücklich aus Saarbrücken blickt zurück

Kostenpflichtiger Inhalt: Serie Porträt der Woche : 30 Jahre im Osten, 30 Jahre im Westen - Saarbrücker Top-Wissenschaftler blickt zurück

30 Jahre Ost-, 30 Jahre West-Leben: Wie fühlt sich das an? Der Saarbrücker Top-Wissenschaftler Frank Mücklich (60) blickt zurück.

Alte Heimat – hätte, wäre, könnte? Ist nicht sein Ding. Weil Frank Mücklich (60) im Westen, hier im Saarland, so derart zufrieden und zuhause ist, dass ihm das Wort Glück immer mal wieder in seine Schilderungen rutscht. Natürlich hätte eine Sonderbegabung wie er auch im Osten Deutschlands eine wissenschaftliche Top-Karriere hingelegt. Sein neun Jahre älterer Bruder – sächsisch-stolz in Dresden verwurzelt – wäre froh darüber gewesen. Er meinte, der Jüngere hätte im Osten richtig was bewegen können, an der ältesten montanwissenschaftlichen Einrichtung Deutschlands, der Bergakademie Freiberg.

Wo Mücklich kurz nach dem 9. November 1989 nicht nur die Nase in den frischen Wind der Freiheit hielt, sondern Teil des Sturms war, zumindest an der Uni: „Da klaffte zunächst ein rechtsfreier Raum. Wir haben unsere eigene Demokratie und ein neues Uni-Gesetz gemacht“, erinnert sich der Saarbrücker Materialforscher. Durch eine Vertrauensabstimmung wurde damals der linien- und sowjettreue Institutsleiter weggefegt. Einer dieser gefährlichen DDR-Betonköpfe mit Macht, die Menschen wie Mücklich schikanierten. Mit aus heutiger Sicht aberwitzigen Vorwürfen: Mücklich habe in einer Vorlesung West-Reklame gemacht, hieß es, weil er die Laserabtastung eines CD-Players erklärte, eines in der DDR nicht verfügbaren Gerätes.

Welche Feindbilder und wie viele unbeglichene Rechnungen nimmt man wohl mit ins West-Leben? Bei Mücklich ist nichts davon zu spüren. Sachlichkeit legt sich wie ein Pflaster über seine DDR-Erinnerungen. Repräsentativ sind sie nicht. Denn Mücklich, der aus einem 1000-Seelen-Dorf im Erzgebirge stammt, war im Arbeiter- und Bauernstaat als „Unternehmersohn“ wahrlich artfremd. Man besaß eine große Mühle. „Alle, die etwas darstellten, wurden gedemütigt“, sagt Mücklich. Seinen Vater, gelernter Buchdrucker, zwang das Regime zurück an die Werkbank, Verwandte und Freunde verschwanden oft schon vor dem Mauerbau. Mücklich selbst sollte kein Abitur machen, erzwang sich ein Studium über Leistung, über ein 1,0-Abitur – gegen alle Systemwiderstände.

Trotzdem wurde er kein „strategischer Revoluzzer“, wie er es nennt, stellte auch nie einen Ausreiseantrag, sondern suchte sich, wie viele, seine „Subgesellschaft“. Das waren kirchliche Kreise mit relativer Redefreiheit. Der Einblick in seine Stasi-Akte machte Mücklich viele Jahre später fassungslos über die „Banalität“ der Überwachung in Alltagsdingen. Dass er in den Überwachungsprotokollen nicht, wie viel andere Bespitzelte, auf Namen stieß, die Freundes-Verrat dokumentierten, mag Mücklichs sorgfältiger Beobachtungsgabe und auch seiner Vorsicht geschuldet sein. Die DDR war ein Spitzen-Trainingslager für schnelle Menschen(er)kenntnis, meint der Hochschul-Lehrer. Eine Kompetenz, die er mitnahm in den Westen, von dem er sich keineswegs das Paradies versprach oder die von DDR-Medien drohend ausgemalte soziale Hölle. „Wir hatten dank Deutschlandfunk ein ziemlich realistisches Bild von der BRD“, so Mücklich. Warum so viele trotzdem  die Lügen des DDR-Polit-Kaders akzeptierten, erklärt er mit einem plastischen Bild: „Wenn du als Hund an der Kette liegst und nie an der Kette ziehst, lebst du bequem.“

Über das aktuelle politische Verhalten der Ostdeutschen will der Professor nicht urteilen, denn es fehlen mittlerweile breitere Kontakte in die frühere Heimat. Trotzdem: Die Mauer in den Köpfen hält Mücklich für gefallen, die Ossi-Wessi-Klischees für überholt: „Oft sind die Nord-Süd-Unterschiede doch viel größer“, meint er. Die städtische Infrastuktur in Ostdeutschland sei top, jetzt müsse man nur noch die Köpfe der Menschen gewinnen. Auch stört Mücklich das mediale Bild der „rechts“ tickenden Wutbürger im Osten. Mehr als 75 Prozent der Thüringer hätten eben keine AfD gewählt, sagt er. Wirklich erklären kann sich Mücklich die offensichtlich höhere Affinität der Ost-Wähler zu rechten Parolen nicht. Enttäuschungen und falsche Erwartungen?, fragt er.

Mücklichs Herz schlägt nun mal west. Und das kam so. Als die Mauer im November 1989 fiel, glaubte er nicht daran, dass die Grenzen offen bleiben würden. Erst als Kanzler Helmut Kohl (CDU) am 28. November einen Zehn-Punkte-Plan zur Wiedervereinigung bekannt gegeben hatte, wurde klar: „Die Ketten sind weg, jetzt kann ich auch bleiben.“ Doch dann traf der junge Wissenschaftler auf der Jahresversammlung der Deutschen Gesellschaft für Materialkunde Professor Günter Petzow, der ihm ein Stipendium am Max-Planck-Institut für Metallforschung in Stuttgart anbot, mit den Worten: „Damit der provinzielle Mief hinter Ihren Ohren wegkommt.“ Mücklichs Mentor in Freiberg bestärkte ihn: „Die Älteren brauchen wir, um den Wandel hinzukriegen, die Jüngeren sollen in die Welt gehen und wiederkommen.“ So war der Plan. Das Leben spielte anders, nämlich eine becircende Melodie – am Saarbrücker St. Johanner Markt. 1995 war das, als sich Mücklich nach Saarbrücken bewarb, für den neu gegründeten Lehrstuhl für Funktionswerkstoffe. Ihm sei hier zu Lande sofort das „Weltoffene“ aufgefallen, das Liberale, Freie: „Es menschelte“, sagt er. Muss man eingekerkert gewesen sein wie er, um davon so zu schwärmen? Bis heute. 50 Prozent seiner Mitarbeiter kämen aus aller Welt, aus Taiwan, China, Südamerika, sagt er, und fühlten sich – pardon – sauwohl hier. Er selbst hat sich im Saarland nicht nur beruflich, sondern auch sozial fest verankert. Freut sich über Anerkennung als gern gehörter Experte bei Industrie und Wirtschaft, auch bei Ministerpräsident Tobias Hans (CDU). Zudem ist auch Mücklichs einziges „Hobby“ saarländisch: seine zweite Frau, mit der er ein „wundervolles Privatleben“ habe. Da müssten am 30. Jubiläumstag des Mauerfalls im Schwalbacher Haus doch wohl die Champagnerkorken knallen? Mücklich steht der Sinn eher nach „stiller Freude über das immer noch unfassbare Glück, dieses menschenverachtende Regime ohne Gewalt über Nacht losgeworden zu sein.“

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