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Verbrecher gegen die Menschlichkeit
Stadt streicht den Nazi-Arzt vom Straßenschild

Der Hans-Dietlen-Weg auf dem Saarbrücker Winterberg wird ab 9. Januar Oscar-Gross-Weg heißen. Die Stadt will das alte Straßenschild allerdings noch bis zum Sommer unter dem neuen hängen lassen, durchgestrichen wie auf unserer Fotomontage – es soll als Orientierungshilfe dienen.   
Der Hans-Dietlen-Weg auf dem Saarbrücker Winterberg wird ab 9. Januar Oscar-Gross-Weg heißen. Die Stadt will das alte Straßenschild allerdings noch bis zum Sommer unter dem neuen hängen lassen, durchgestrichen wie auf unserer Fotomontage – es soll als Orientierungshilfe dienen.    FOTO: BeckerBredel
St. Arnual. Der Hans-Dietlen-Weg wird Oscar-Gross-Weg. Erst im Sommer kam heraus, dass Dietlen im Dritten Reich Menschen misshandelt  hat. Von Jörg Laskowski

Und wieder entfernt Saarbrücken einen Nazi aus dem Stadtbild. Diesmal ist es der Arzt Hans Dietlen, ein Verbrecher gegen die Menschlichkeit. Nach ihm ist eine Sackgasse nahe der Winterberg-Klinik benannt. Sie zweigt von der Theodor-Heuss-Straße ab.


Am 6. Dezember wird der Bezirksrat Mitte diese Sackgasse in Oscar-Gross-Weg umbenennen. Am 9. Januar soll das neue Straßenschild montiert werden – gleichzeitig wird der Beschluss im Wochenspiegel amtlich bekannt gemacht.

Bezirksbürgermeisterin Christa Piper erläuterte der SZ den Hintergrund: Hans Dietlen, Jahrgang 1879, war ab Oktober 1936 ärztlicher Direktor und Chef der Röntgenabteilung im Saarbrücker Bürgerhospital – dem Vorläufer der Winterberg-Klinik.



Um in diese Position zu kommen, war Dietlen im April 1936 in die NSDAP eingetreten und Mitglied des NS-Ärztebundes geworden. Nach dem Ende der Nazi-Herrschaft blieb er unbehelligt. Er starb 1955. Um seine Nachkriegsarbeit zu würdigen, benannte die Stadt 1968 die Straße nach ihm.

Erst im Sommer 2018 kamen ihm Medizinhistoriker auf die Spur. Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) hatte ihre Geschichte erforscht und die Ergebnisse in einem Buch zusammengefasst, das sie im Sommer 2018 bei einem Ärztekongress in Mannheim der Öffentlichkeit vorstellte.

Ein Saarbrücker Arzt, der diesen Kongress besuchte, stieß so auf Dietlen und dessen Verbrechen. Denn für das Buch hatte die DGIM auch Patientenakten aus dem Saarbrücker Bürgerspital ausgewertet. Danach hatte Dietlen ab 1940 Menschen gegen deren Willen sterilisiert – bei einem Teil seiner Opfer benutzte er dazu Röntgenstrahlen.

Der Saarbrücker Mediziner, der bei der Buchvorstellung der DGIM in Mannheim war, informierte Oberbürgermeisterin Charlotte Britz und Bezirksbürgermeisterin Christa Piper. Die ließen sich von Stadtarchivar Hans-Christian Herrmann einen neuen Namen vorschlagen. Dessen Wahl fiel auf Dr. Oscar Gross, den jüdischen Vorgänger des Nazi-Arztes Dietlen im Bürgerhospital. Laut Herrmanns Nachforschungen war Gross, Jahrgang 1881, von 1923 bis 1936 Chef der medizinischen Abteilung des Bürgerhospitals. Weil er jüdischer Abstammung war, musste er seine Position räumen – obwohl er im Ersten Weltkrieg an der Front war und vom Kaiserreich einen Orden erhalten hatte.

Weil er in Nazi-Deutschland seine Existenz nicht mehr sichern konnte, emigrierte er 1939 nach England. Nach 1945 lebte er in den USA. Von dort schrieb er 1952 – mit 71 Jahren – an den damaligen Saarbrücker Oberbürgermeister und das Bundesinnenministerium und bat um seine Pension.

Die bekam er aber nicht. Statt dessen gewährte ihm die Stadt zunächst freiwillige Ersatzleistungen. Etwas später anerkannte jedoch der Bund die Ansprüche von Gross und bezahlte. Gross starb 1967.

Stadtarchivar Hans-Christian Herrmann erklärte in einer E-Mail an Christa Piper: „Die Umbenennung würdigt die Lebensleistung von Professor Gross. Ohne das Gross widerfahrene Unrecht wäre Hans Dietlen wohl nicht Arzt in Saarbrücken geworden.“

Die Bewohner des künftigen Oscar-Gross-Weges – fast alles ältere Herrschaften – sind von der zügigen Umbenennung ihrer Straße überrascht und nicht begeistert. Sie wandten sich in einem Brief an Bezirksbürgermeisterin Christa Piper und kritisierten: „Der Vorgang ist unseres Erachtens völlig undemokratisch. Wäre es nicht korrekt, uns Anwohnern von Ihrem Vorhaben Mitteilung zu machen und um Stellungnahme zur Umbenennung zu bitten und uns dazu genügend Zeit zu geben.“

Daraufhin besuchte Piper die Anwohner und hörte sich deren Bedenken an. Ergebnis, laut Piper: Wenn die Stadt am 9. Januar das neue Straßenschild montiert, lässt sie das alte noch bis zum Sommer darunter hängen – allerdings durchgestrichen, ähnlich wie in der Fotomontage auf dieser Seite. Außerdem wird das Saarbrücker Vermessungsamt für alle Anwohner bei der Post Nachsendeanträge stellen. Und Rudolf Flohr von der Stadtverwaltung, Telefon (0681) 905 1442, wird den Anwohnern bei allen Schwierigkeiten mit der neuen Adresse hilfreich zur Seite stehen.

Trotzdem erklärten die Anwohner im Gespräch mit der SZ erneut, sie seien mit dem Vorgehen der Stadt nicht zufrieden. Vor allem, weil alles inklusive des neuen Namens „einfach so bestimmt wurde“. Und das Resümee einer älteren Dame lautete: „Aber es hilft mir ja nichts. Am 9. Januar kommt das neue Straßenschild. Von da ab müssen wir also damit rechnen, dass wir unsere Post nicht mehr kriegen. Das ging viel zu schnell für uns ältere Leute. Und wir fanden es überhaupt nicht gut, dass wir einfach nur darüber informiert wurden, was wir zu tun haben.“