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Saarbrücken: Film zeigt Stadt 1904 in Farbe - spektakuläre Zeitreise

Historisches Museum Saar : Spektakuläre Zeitreise: Farbfilm zeigt Saarbrücken im Jahr 1904 (mit Video)

Es ist ein Film zum Staunen mit einigen Wow-Momenten: Dank des Historischen Museums Saar kann man jetzt in das Saarbrücken des Jahres 1904 eintauchen. Wie kam es zu der faszinierenden Zeitreise?

Man denkt wirklich, man wäre mittendrin im Saarbrücker Stadtgeschehen. Ein Sonntag im Oktober – im Oktober 1904! Ein Herr im schwarzen Mantel mit schwarzem Hut geht durchs Bild, im Hintergrund die mächtige Bergwerksdirektion, am Ende sieht man auch noch den wunderschönen alten Bahnhof. Dann kommt ein Pferdefuhrwerk, der Kutscher hält eine Peitsche in seiner rechten Hand. Noch eine Kutsche fährt vorbei, Männer schauen in die Kamera und ein Soldat mit Pickelhaube läuft über das Kopfsteinpflaster.

Sechseinhalb Minuten aus einer anderen Welt

Später dann: das Rathaus, die Johanneskirche, der Markt mit Stengelbrunnen, Kohl und Kartoffeln werden verkauft, ein riesiger Hund ist zu sehen, Frauen mit Hut und Kinderwagen und als großes Finale eine Fahrt mit der Straßenbahn durch die Bahnhofstraße. Teilweise kann man die Namen der Geschäfte lesen, „P. Opitz“ steht irgendwo, „Tapeten“ daneben und „Cigarren“.

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Man hat einige Wow-Momente, wenn man diesen Film zum ersten Mal anschaut. Unter dem Stichwort „Historische Filmaufnahmen von Saarbrücken (1904) koloriert“ findet man ihn seit Donnerstagabend auf dem Youtube-Kanal des Historischen Museums Saar. Das Museum um Direktor Simon Matzerath hat die sechseinhalb Minuten lange spektakuläre Zeitreise möglich gemacht. Dank einer guten Idee, viel Fleißarbeit, einem niedrigen vierstelligen Betrag und besten Kontakten zu einem Profi in Sachen Künstlicher Intelligenz (KI) aus Estland. Das Ganze ist also ein europäisches Gemeinschaftsprojekt.

Das Original liegt im British Film Institute in London

Der Farbfilm ist eine überarbeitete und neu vertonte Version eines Kurzfilms, der sich im British Film Institute (BFI) in London befindet und der im Historischen Museum bereits unbearbeitet und in Schwarz-Weiß zu sehen ist. Er gehört zur Sammlung des Basler Jesuiten Abbé Joseph Alexis Joye (1852-1919), die das BFI 1976 erwarb. Der Film lag dort unbeachtet im Archiv, bis der Trierer Medienwissenschaftler Dr. Uli Jung ihn 2001 entdeckte. So kam er nach Saarbrücken.

Museumschef Matzerath wollte ihn bei dem KI-Video-Spezialisten Denis Shiryaev, damals noch in Polen zuhause, kolorieren lassen, um ihn in eine Online-Ausstellung integrieren zu können. „Das hat auch prima geklappt“, erzählt Matzerath, dann aber kam der Hinweis aus Polen: Wenn es den Schwarzweiß-Film in einer besseren Auflösung geben würde, könnte die Künstliche Intelligenz noch wesentlich mehr Details herausarbeiten.

 Ein Pferdefuhrwerk und Passanten vor der damaligen Bergwerksdirektion.
Ein Pferdefuhrwerk und Passanten vor der damaligen Bergwerksdirektion. Foto: Historisches Museum Saar

Spezialist für Künstliche Intelligenz aus Estland

Also fragten die Saarländer in London an, ob die einen neuen Scan machen könnten. Und nach neun Monaten und einem 20-seitigen Vertrag war diese neue, hochauflösende Version vorhanden. Sie wurde dann innerhalb weniger Tage in Polen und Estland bearbeitet, vertont und eingefärbt, teilweise wurde dabei interpretiert, auch wurde das Tempo, also die Bildfolge, dem heutigen Rhythmus angepasst.

Blick in die Bahnhofstraße im Jahr 1904, links die Straßenbahn.
Blick in die Bahnhofstraße im Jahr 1904, links die Straßenbahn. Foto: Historisches Museum Saar

„Man darf einen Film so normalerweise nicht in dieser Form behandeln“, erklärt Matzerath: „Wir haben es gemacht, um den emotionalen Zugang zu erleichtern an die Menschen und die Lebenswirklichkeit vor über 100 Jahren in Saarbrücken.“ Matzerath ist sich sicher: „Wenn man den Film mit seinen behutsamen Farben jetzt so sieht, hat man plötzlich das Gefühl, dass man sich mehr mit den Menschen der damaligen Zeit identifizieren kann.“

Saarbrücken: Film zeigt Stadt 1904 in Farbe - spektakuläre Zeitreise
Foto: Historisches Museum Saar

„Das war damals eine absolute Sensation“

Saarbrücken, so berichtet der Museumschef, sei um die Jahrhundertwende – weit vor den verheerenden Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs – eine gründerzeitliche Metropole gewesen, „eine finanzstarke Stadt, was sich auch in der Architektur widergespiegelt hat“. Der Film, nach Matzeraths Wissen das älteste Bewegtbilddokument für das Saarland, sei kurz nach der Aufnahme auf der Kirmes in St. Arnual der Öffentlichkeit präsentiert worden. „Die Menschen, die durch die Straßen laufen, konnten sich kurz danach also selbst in dem Film sehen, was damals eine absolute Sensation war.“ Dass es sich um das Jahr 1904 handelt, lässt sich nicht 100-prozentig bestätigen, es sei aber sehr wahrscheinlich.

Matzerath ist begeistert, „mit welchen überschaubaren finanziellen Mitteln man sich heutzutage dieser Zeit annähern kann“. Man habe überhaupt keine Korrekturen machen müssen, weil die Künstliche Intelligenz die Verhältnisse der Zeit anhand von Millionen Vergleichsbildern hervorragend getroffen hätte. „Sogar der Buntsandstein des Rathauses ist richtig wiedergegeben.“

Vorreiter dieser Art der Filmbearbeitung ist übrigens der „Herr der Ringe“-Regisseur Peter Jackson. Für seinen Dokumentarfilm „They Shall Not Grow Old“ über den Ersten Weltkrieg wurden historische Originale mithilfe von KI interpretiert. „In dieser Tradition steht unsere Arbeit“, sagt Matzerath. Eine tolle Arbeit!