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Warum die Neumarks ihre Heimat verließen

Riegelsberg. Viele jüdische Familien gab es offenbar nicht in Riegelsberg, doch es gab sie. Im Zuge der „Stolperstein-Diskussion“ (wir berichteten) haben wir uns nach den Schicksalen jüdischer Familien in der NS-Zeit erkundigt. mj

Die Serie der Saarbrücker Zeitung über jüdische Familien in Riegelsberg hat viele Leser aufgewühlt. Zahlreiche Zeitzeugen haben sich gemeldet und ihre Erinnerungen mitgeteilt. Über die Familie Neumark aus der Talstraße erhielt die SZ mehrere Informationen.

So suchte Nicole Giesen vom Meldeamt der Gemeinde Riegelsberg die Meldekarte der Familie Neumark heraus. Dort steht, dass Henriette Neumark, geboren am 24. Oktober 1856 in Dillingen, mit ihrem Ehemann Jakob drei Söhne hatte. Bisher war in der Ortschronik von Riegelsberg immer nur von den beiden Söhnen Rudolf (geb. 26.3.1885) und Arthur (geb. 26.7.1887) die Rede. Der älteste Sohn hieß Eugen, geboren am 3. April 1883 in Güchenbach. Er arbeitete als Tierarzt. Am 17. Mai 1909 verzog er nach Essen.

Warum Henriette Neumark sowie ihre Söhne Rudolf und Arthur 1935 aus Riegelsberg wegzogen, erklärt vielleicht folgender Umstand: Im Archiv der Rechtsanwaltskammer Frankfurt und dem Buch "Rechtsanwälte an der Saar von 1800 bis 1960" von Peter Wettmann-Jungblut und Rainer Möhler finden sich Hinweise auf zwei Neffen der Riegelsberger Witwe Henriette Neumark.

Sie hießen Dr. Otto Neumark und Dr. Rudolf Neumark, von denen ersterer nach gesicherten Erkenntnissen in Püttlingen geboren ist. Beide Brüder siedelten um 1908 nach Frankfurt am Main über und waren als Anwälte und Notare tätig. Im Mai 1933 wurde es Dr. Otto Neumark verboten, als Rechtsanwalt und Notar zu arbeiten, er wurde aus der Liste der Rechtsanwälte gelöscht. Danach kehrte er ins Saarland zurück, das unter Völkerbundverwaltung stand und noch nicht dem Rechtsbereich des NS-Regimes unterstellt war.

Hier nahm er im November 1933 seine Tätigkeit als Rechtsanwalt beim Amtsgericht und Landgericht Saarbrücken auf. Im Februar 1935 wurde er aus der Liste der Anwälte gelöscht. Er emigrierte noch im selben Jahr nach Luxemburg und floh 1940 in die USA. Von 1949 bis 1952 kehrte er nach Saarbrücken zurück, danach siedelte er endgültig in die USA über, wo er 1953 starb.

Da Dr. Otto Neumark die Auswirkungen der nationalsozialistischen Gesetzgebung am eigenen Leib erfahren hatte, ist es denkbar, so der Riegelsberger Zeitzeuge Leo Hansen, dass er seine Verwandten aus Riegelsberg, Henriette Neumark und ihre Söhne, zur noch möglichen Auswanderung drängte. Dabei konnten sie die speziell im Saarland im Zuge der Rückgliederung vorhandenen Sonderregelungen des Römischen Abkommens nutzen. Darin hieß es, dass "Bestimmungen und Verwaltungsmaßnahmen, die Sonderbehandlungen aus Gründen der Sprache, Rasse oder Religion vorsehen, bis zum 29. Februar 1936 keine Anwendung im Saarland finden". "Dr. Otto Neumark hatte wohl erkannt, dass in Nazi-Deutschland ein sicheres Leben für jüdische Mitbürger unmöglich sein wird. Das könnte die Ausreise der Riegelsberger Familie Neumark zum 8. September 1935 erklären", mutmaßt Leo Hansen. > Bericht folgt