Verwandten-Camp auf Klinik-Flur

30 Geburten pro Tag – aber nicht alle Babys willkommen, dazu auf den Klinik-Fluren kampierende Angehörige und hygienische Verhältnisse, bei denen ein Krankenhaus hierzulande dicht machen müsste. Das erlebt Caroline Himbert aus Walpershofen, die derzeit in einer großen Klinik im fernen Nepal arbeitet und für uns von ihren Abenteuern berichtet.

Nach unseren ersten aufregenden Tagen in Nepals Hauptstadt Kathmandu fuhren wir ins rund 200 Kilometer entfernte Pokhara. Mit rund 250 000 Einwohnern ist sie die zweitgrößte Stadt Nepals, gelegen am Ufer des Phewa-Sees. Auf diesem See befindet sich ein kleiner Tempel, zu dem die Einheimischen mit kleinen Holzbooten übersetzen, um den Heiligen ihre Opfergaben darzubringen.

Wenn der Wecker nach einem sehr starken Monsunregen in der Nacht klingelt, können wir manchmal aus dem Fenster die atemberaubende Sicht auf die Gipfel des Annapurna-Massivs, einem Teil des Himalayas, genießen. Per Winken halten wir einen der öffentlichen Busse an, der uns in 40 bis 90 Minuten zum Krankenhaus bringt - abhängig von spontanen Stopps wegen Kühen und Wasserbüffeln, die unseren Weg kreuzen. Die Straßen sind holprig und in den niedrigen Bussen können wir oft nur geduckt stehen. Bei schwülen 30 Grad Außentemperatur ist der Weg zur Arbeit nicht sehr angenehm und es ist erstaunlich, wie viele Menschen dann doch noch in einen scheinbar schon überfüllten Bus hineinpassen.

Das Manipal Teaching Hospital ist für Nepalesische Verhältnisse ein großes Uni-Krankenhaus. Die Klinik wurde von einer indischen Gesellschaft gegründet, so arbeiten hier auch viele indische Ärzte und Studenten. Von der Außenfassade und der Eingangshalle waren wir auf den ersten Blick sehr überrascht: Alles wirkte wie ein normales Krankenhaus. Aber wie so häufig: Der Schein trügt. Ein Spinnchen, dass uns in einem deutschen Patientenzimmer womöglich schon stört, würde hier zwischen den zahlreichen Geckos und Kakerlaken überhaupt nicht auffallen.

Patienten tragen die Kosten

Buddhistisches Kloster im tibetischen Flüchtlingsdorf bei Pokhara.
Der Phewa See mit Fischern.

Meine ersten beiden Wochen verbrachte ich auf der Pädiatrie (Kinderstation) und der Gynäkologie. Wie auf allen Stationen campieren die Familienangehörigen der Patienten auf dünnen Matratzen vor der Schwesternrezeption.

Neben der normalen Visite am Morgen war ich auch bei vielen Geburten dabei. Alleine im Juli und im August kamen im Manipal Teaching Hospital täglich rund 30 Kinder auf die Welt. Die Mütter hier sind im Druchschnitt 16 bis 25 Jahre alt. Aber nicht jede Geburt ist ein Grund zur Freude für die Familie und insbesondere für die jungen Mütter. Hier in Nepal wird nur ein männlicher Familienzuwachs herzlich auf der Welt willkommen geheißen. Daher ist es von staatlicher Seite verboten, dass die Eltern das Geschlecht der Kinder vor der Geburt erfahren. Zu viele weibliche Föten würden ohne dieses Verbot abgetrieben.

Für ein Bett in der Klinik bezahlen die Patienten 25 Rupien pro Nacht. Dies entspricht ungefähr 20 Cent. Die Kosten für die Untersuchungen und die Medikamente müssen sie ohne jegliche Versicherung selbst tragen. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass wir Studenten hier in Nepal - mit einem teilweise komplett anderen Verständnis über gesundheitliche Versorge - aber auch mit vielen unterschiedlichen, bei uns teilweise nicht mehr existierenden Krankheitsbildern konfrontiert werden.

Neben dem Krankenhausalltag erkunden wir auch die Umgebung. So konnten wir bei einer Dschungelsafari auf dem Rücken von Elefanten im Süden Nepals unter anderem Nashörner und Krokodile beobachten, haben ein buddhistisches Kloster besucht und sind auf den Wellen eines reißenden Flusses durch die Berglandschaft des Himalaya geritten.

Bis zum nächsten Mal,

"Namaste", Caroline HimbertSeit der zweiten Monatshälfte arbeite ich in der Chirurgie. Wenn ich schon dachte, auf der Neugeborenenstation würde mit Hygiene gespart werden, so sollte ich eines andren belehrt werden. Grundsätzlich gilt: Hände desinfizieren wird überbewertet. Das Wort "steril" bekommt hier eine völlig neue Bedeutung, denn sterile Handschuhe bleiben scheinbar immer steril und alles was man damit anfasst wird auf magische Weise auch steril.

Die Tücher zum Abdecken des Patienten sieht man Nachmittags nach dem Waschgang in der Sonne trocknen, Ventilatoren an der Decke im OP-Saal blasen den Staub schon mal in offene Wunden, und seine OP-Kleindung bringt man selbstverständlich selbst mit. Von einem Operationssaal zum anderen wechselnd, konnte ich hier jedoch unterschiedlichsten Operationen beiwohnen. Ich konnte bei zahlreichen Kaiserschnitten, Amputationen, Entfernungen von Gallenblasen und Nierensteinen sowie bei Tumorsektionen dabei sein.