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Und die Ringelnatter schaut zu

Walpershofen. Es war das bisher größte Renaturierungsprojekt im Saarland: 52 250 Kubikmeter Erde und unzählige Betonbauteile wurden abtransportiert, um dem Köllerbach wieder ein natürliches Bachbett zu geben. Am Freitag wurde in Walpershofen gefeiert. Marco Reuther

Besser hätte es nicht passen können: Während Umweltminister Reinhold Jost über den Abschluss der Köllerbach-Renaturierung spricht, schlängelt hinter ihm eine (vollkommen harmlose) Ringelnatter am Bachufer entlang - direkt in der "Ortsmitte am Bach" in Walpershofen . Aber in der brütenden Mittagshitze am Freitag hat auch massiver Beton so seine Vorzüge: Die Tische für den Empfang sind unter der 50 Meter langen Saarbahnbrücke aufgestellt, die hoch willkommenen Schatten spendet.


Nicht nur der 1,2 Kilometer lange Bauabschnitt in Walpershofen wurde offiziell beendet, sondern die komplette Köllerbach-Renaturierung. Es war das bisher größte Renaturierungsprojekt im Saarland: 16 Kilometer in 16 Jahren.

Die Ringelnatter ist übrigens nicht das einzige Tier, das die gelungene Renaturierung unterstreicht: Am Morgen, so berichtet Bauingenieur Michael Boes von der Landschaftsagentur Plus, hat er schon einen Eisvogel und einen Fischreiher im Bach gesehen. Und ab und an schaue hier auch ein Biber aus Richtung Püttlingen vorbei.

Die Landschaftsagentur Plus ist eine Tochter der RAG. Martin Strauß, neben Nicole Büsing Geschäftsführer der Agentur, nannte beeindruckende Zahlen: Der Bachlauf wurde auf 16 von 19 Kilometern verbreitert, die Böschungen abgeflacht, Kurven eingebaut und Retentionsflächen ("Überlaufflächen") - dafür wurden 52 250 Kubikmeter Erdmassen abtransportiert. Dementsprechend wird auch bei Hochwasser mehr Wasser zurückgehalten. Und dass der Bach nun wieder langsamer fließt, wirke sich ebenfalls positiv bei Hochwassern aus. Dem Umweltschutz ist durch das Aufleben von Flora und Fauna gedient, und positive städtebauliche Aspekte gibt es ebenfalls. Letzteres zu sehen an der schön gestalteten Walpershofer Dorfmitte oder auch an den Parks in Püttlingen und Völklingen.

Gekostet haben die acht Bauabschnitte 5,6 Millionen Euro, davon kamen 1,1 Millionen Euro aus der Landeskasse. Das Projekt wurde auch dadurch finanziert, dass es als ökologische Ausgleichsmaßnahme für andere Bauvorhaben diente, deren Träger dann den entsprechenden Anteil beisteuern: Die gesamte Renaturierung hat einen "Wert" von vier Millionen "ökologischen Werteeinheiten".



So war die Köllerbach-Renaturierung zum Beispiel ein Ausgleich für Ausbau-Arbeiten an der Saar zwischen Saarbrücken und Völklingen, für den Saarbahn-Bau in Riegelsberg oder Gewerbegebiete in Wahlschied und Dilsburg.

Als symbolischer Abschluss der Arbeiten wurde noch ein kleines Insektenhotel am Bach aufgestellt, das Eindrehen der Schrauben war in der Gluthitze für Umweltminister Jost eine schweißtreibende Angelegenheit. Die Renaturierung habe zwar lange gedauert, so Jost, aber er sei schon "ein Stück weit ‚stolz wie e Wutz', dass es so gut geworden ist."

Die Gesamtrenaturierung startete in Heusweiler, neben Riegelsberg sind zudem Püttlingen und Völklingen betroffen. Somit, so Jost, sei es auch ein Projekt der interkommunalen Zusammenarbeit - und die Zusammenarbeit vieler sei auch notwendig, um so ein Projekt zu stemmen. Wunderbar sei es auch, dass viele Verbände und Vereine die Renaturierung als Chance sehen, einen eigenen Beitrag zu leisten, wie etwa im Rahmen des Projektes "Naturnahes Köllertal".

Dass 16 Jahre nicht unbedingt eine lange Zeit seien, veranschaulichte Riegelsbergs Bürgermeister Klaus Häusle : Allein für den Abschnitt in Walpershofen mussten 135 Grundstücksverhandlungen geführt werden, von denen vier besonders langwierige ein ganzes Jahr beanspruchten. Auf 1,4 Kilometern Länge erhielt der Köllerbach auch in Völklingen sein altes Bett wieder - vom Alten Wasserwerk am Simschel übers Stadion bis zur Hohenzollernstraße. Bereits Ende 2012 wurden hier die nötigen Arbeiten für die Renaturierung begonnen. Die Maßnahme kostete rund eine Million Euro und sollte im Sommer 2013 abgeschlossen sein. Auch für die Ausführung dieses Abschnittes zeichnete die RAG Montan Immobilien (MI) GmbH verantwortlich. Die damalige Umweltministerin Anke Rehlinger (SPD ) vollzog am 27. November den ersten Spatenstich in Höhe Freibad. Die Saarbrücker Zeitung zitierte die Ministerin: "Ich habe Stiefel dabei". Die waren in Folge für alle Betroffenen auch oft nötig, Schlamm und Matsch gab es reichlich: Rund 13 000 Kubikmeter Massen mussten bis Februar des folgenden Jahres (soviel Zeit ließ der Naturschutz) ausgebaggert werden, Befestigungen auf rund 5000 Quadratmetern Wasserfläche gelöst werden. Die alten Uferumrandungen, mit dicken Steinen aufgemauert, flogen raus. Standortfremde Gewächse wie Fichten und Pappeln wurden abgeholzt, später durch Erlen , Weiden und Eschen ersetzt. In die "grüne Wand" (Hettrich), die speziell in der Parkanlage an der Stadionstraße den Bach verdeckt, sollten Sichtfenster geschnitten werden. Am Stadion, am Freibad und am Parkplatz nebenan geht wenig, war die Einschätzung der Experten, doch ansonsten sollte der Bach wieder seinen natürlichen Lauf finden. Überall, wo es möglich ist, sollte das Gewässer verbreitert, sollten die Uferböschungen abgeflacht werden.

Am früheren Bouleplatz wurde eine Nassfläche mit Inselchen angedacht, zu überqueren mit Trittsteinen.

Zum Thema:

Hintergrund Der Kreis schließt sich: Als gemeinsames "Großprojekt" wurde die Köllerbach-Renaturierung zwar im Jahr 2000 in Heusweiler begonnen, doch schon im Herbst 1994 gab es eine erste Teil-Renaturierung - und zwar in Walpershofen : Schon damals gab es einen ersten Anlauf, etwa 400 Meter zwischen der damaligen Eisenbahnüberführung am Ortsausgang und Heusweiler wieder natürlicher zu gestalten. mr

Über große Trittsteine gelangt man auf die Inseln, hier die in Nähe der Straßenbrücke zum Heidstock. Archivfoto: jenal
Über große Trittsteine gelangt man auf die Inseln, hier die in Nähe der Straßenbrücke zum Heidstock. Archivfoto: jenal