Schicksale jüdischer Familien in Riegelsberg

Schicksale jüdischer Familien in Riegelsberg

In der „Stolperstein“-Diskussion gehen in Riegelsberg die Meinungen auseinander, wie man im Ort der Opfer des Holocaust gedenken soll. Aber wie viele jüdische Familien gab es überhaupt in Riegelsberg? Und was wurde aus ihnen? Wir sprachen mit dem Historiker Professor Hans-Walter Herrmann, Riegelsberger und bis zu seiner Pensionierung Landesarchivar.

Einer der Gründe für den Riegelsberger Ortsrat, das Stolpersteine-Konzept (siehe "Hintergrund") zu verwerfen, ist die unsichere Aktenlage gewesen, wie viele Bürger jüdischen Glaubens überhaupt in Riegelsberg gewohnt hatten und welches Schicksal sie nach der Machtergreifung Hitlers 1933 durchlitten hatten.

Wir sprachen mit Professor Dr. Hans-Walter Herrmann, ob er mehr über das jüdische Leben in Riegelsberg in der NS-Zeit berichten kann. Der Historiker war über 35 Jahre Leiter des saarländischen Landesarchivs. Er lebt seit 1960 in Riegelsberg und verfasste 1979 die "Ortschronik Riegelsberg".

Über das Schicksal jüdischer Bürger in Riegelsberg, von denen es offenbar nicht sehr viele gab, hat der Historiker im Rahmen seiner Recherchen Ende der 1970er Jahre herausgefunden, dass die im Ort hoch angesehene Witwe Henriette Neumark, die in der Talstraße direkt an der Ecke zur Saarbrücker Straße ein Textil- und Nähmaschinengeschäft betrieb, mit ihren beiden Söhnen, dem Gerichtsassesor Rudolf und dem Kaufmann Arthur, am 8. September 1935 nach Luxemburg auswanderte (von wo sie später in die USA geflohen sein sollen). "Sie nutzte die im ersten Jahr nach der Rückgliederung bestehenden Auswanderungserleichterungen für saarländische Juden", erklärt Herrmann. "Diese Bestimmungen sahen vor, dass Bürger jüdischen Glaubens bis zum 1. April 1936 unter der Mitnahme ihres Besitzes das Saarland verlassen konnten. Diese ‚Schutzklausel‘ war aber im Grunde ein Hohn, da die Juden in Wahrheit gezwungen waren, alles in ihrer alten Heimat aufzugeben und ihr immobiles Hab und Gut oft unter Wert zu verkaufen."

Bezüglich der Aktion "Stolpersteine für Riegelsberg" rät Professor Herrmann, sehr genau zu recherchieren, wie viele jüdische Familien in Riegelsberg ihre Heimat vor 1933, zwischen 1933 und 1935 (von der Machtergreifung bis zur Rückgliederung) und dann noch einmal speziell in dem ersten Jahr nach der Rückgliederung (bis April 1936) verlassen haben. Wohin sind sie ausgewandert? Waren sie dort sicher? Nach seinem Wissensstand wurde kein jüdischer Bürger direkt aus Riegelsberg deportiert (allerdings ist inzwischen bekannt, dass jüdische Riegelsberger von ihren Fluchtorten aus in Todeslager deportiert wurden).

Die von Herrmann aufgeworfenen Fragen lassen sich nicht leicht beantworten, zumal die Gemeinde Riegelsberg über kein historisches Archiv verfügt, wie Rüdiger Beres von der Verwaltung erklärt.

Anfragen der Saarbrücker Zeitung bei verschiedenen Heimatforschern haben immerhin ergeben, dass es neben der Familie Neumark noch weitere jüdische Familien in Riegelsberg gegeben hat. > Weitere Berichte folgen



Stolpersteine sind ein Projekt des Berliner Künstlers Gunter Demnig. Mit den kleinen Steinen soll an das Schicksal von Juden, Zigeunern, Homosexuellen, Behinderten, politisch Andersdenkenden und Zeugen Jehovas erinnert werden, die im Nationalsozialismus ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Es sind 10x10 Zentimeter große Betonsteine, auf deren Oberseiten sich individuell beschriftete Messingplatten befinden. Sie werden meist vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der NS-Opfer niveaugleich in den Gehweg eingelassen. Demnigs Absicht ist u.a., den Opfern, die in Konzentrationslagern zu Nummern degradiert wurden, ihre Namen zurückzugeben. Über 35 000 Stolpersteine wurden bisher in Deutschland und im nahen Ausland verlegt. Mancherorts wurden die Tafeln beschmiert, herausgerissen, mit NS-Parolen überklebt. Zur Situation der Juden im gesamten Saargebiet schildert Professor Hans-Walter Herrmann: "Viele saarländische Juden glaubten sich nach der Machtergreifung Hitlers noch sicher, da das Saargebiet noch bis 1935 unter Völkerbundverwaltung stand.

Doch schon im Frühjahr 1933 setzten erste Boykottmaßnahmen gegen jüdische Geschäfte ein. Die Repressionen gegen jüdische Bürger nahmen ständig zu, die antijüdische Stimmung machte sich auch im Saargebiet breit." Viele Juden verließen ab 1933 das Saarland. Bis 1936 waren zum Beispiel schon 36 Prozent der Saarbrücker Juden ausgewandert.

Eine Besonderheit der Saarregion betrifft die Zeit der Evakuierung im September 1939: "Damals wurden wegen des Frankreichfeldzugs viele saarländische Juden "ins Reich" evakuiert, ihre Rückkehr ins Saarland aber verhindert. Was ist aus ihnen geworden?"

Professor Hans-Walter Herrmann aus Riegelsberg. Der Historiker war über 35 Jahre Landesarchivar. Foto: Monika Jungfleisch. Foto: Monika Jungfleisch
Ein Stolperstein Foto: Rolshausen. Foto: Rolshausen

Zum Thema:

HintergrundDie Sache mit den Stolpersteinen: In den vergangenen Wochen wurde in Riegelsberg viel über "Stolpersteine" diskutiert. Das künstlerische Projekt erinnert an die Millionen Opfer des Holocaust, indem vor Häusern, in denen jüdische NS-Opfer wohnten, kleine "Stolpersteine" mit eingravierten Namen in den Boden eingelassen werden. Die Fraktion "Die Linke" hatte angeregt, Stolpersteine auch in Riegelsberg zu verlegen, um an vertriebene und getötete jüdische Familien zu erinnern. Der Gemeinderat übertrug dem Ortsrat die Aufgabe, sich mit dem Thema zu befassen. Der Riegelsberger Ortsrat hatte dann entschieden, lieber mit einem "Friedensfest" an die Opfer des Nazi-Regimes zu erinnern, was wiederum viele kritische Stimmen auf den Plan rief. mj

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