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„Gegenveranstaltung zu Führers Geburtstag“

Die Schulklasse von Erich Gross um die Jahre 1934/35. Erich, sein Bruder Paul und seine Mutter Adele Gross konnten die Judenverfolgungen dank der Hilfe ihres Vater beziehungsweise Ehemanns Gottfried Gross und vieler Nachbarn überstehen. Foto: Sammlung Stefan Gross
Die Schulklasse von Erich Gross um die Jahre 1934/35. Erich, sein Bruder Paul und seine Mutter Adele Gross konnten die Judenverfolgungen dank der Hilfe ihres Vater beziehungsweise Ehemanns Gottfried Gross und vieler Nachbarn überstehen. Foto: Sammlung Stefan Gross FOTO: Sammlung Stefan Gross
Riegelsberg. Ausgerechnet an Adolf Hitlers Geburtstag (20. April) sollen in Riegelsberg die ersten Stolpersteine verlegt werden. Der Termin sei bewusst gewählt, sagt Volker Junge, der Sprecher des Aktionsbündnisses. Fredy Dittgen

Am Montag, 20. April, werden in Riegelsberg die ersten Stolpersteine verlegt. Das teilte Volker Junge, der Sprecher des "Aktionsbündnisses Stolpersteine für Riegelsberg ", am Donnerstag in einer Informationsveranstaltung im Riegelsberger Rathaus mit. Rund 30 Interessierte waren gekommen, um sich über die Vorbereitungen der Gedenkfeier sowie über weitere Neuigkeiten informieren zu lassen.

Beginn in der Talstraße


Die Organisatorin und Journalistin Monika Jungfleisch berichtete über die neuesten Recherchen (Bericht darüber folgt), Katharina Klasen stellte die von ihr entwickelte Webseite des Aktionsbündnisses vor (stolpersteineriegelsberg.wordpress.com), die seit 12. März freigeschaltet ist und ausführlich in Wort und Bild über das Aktionsbündnis, über Termine und Veranstaltungen und natürlich über die jüdischen Familien in Riegelsberg informiert. Dass die ersten Stolpersteine ausgerechnet am 20. April - "Führers Geburtstag" - verlegt werden, sei Absicht, betonte Junge: "Wir haben diesen Tag ganz bewusst ausgewählt. An diesem Tag wurde derjenige geboren, der die Juden verfolgen und ermorden ließ. Die Verlegung der ersten Stolpersteine in Riegelsberg ist also eine Gegenveranstaltung." Die ersten Steine werden an diesem Tag ab 11.30 Uhr in der Talstraße verlegt, wo die Familie Neumark lebte. Es folgt um 12 Uhr die Steineverlegung in der Invalidenstraße, dem Wohnort der Familie Gross. Um 12.30 Uhr ist die Kirchstraße an der Reihe, wo die Familie Samuel Wohnung und Kaufhaus hatte.

Der Künstler Gunter Demnig , der das Projekt Stolpersteine 1995 initiiert hatte, wird ebenfalls anwesend sein. Im Anschluss an die Verlegung der Steine gehen alle Teilnehmer zu Fuß in die evangelische Kirche, wo die evangelische und die katholische Kirchengemeinde gemeinsam mit der jüdischen Gemeinde eine Andacht abhalten. Anschließend gibt es im evangelischen Gemeindehaus einen Umtrunk, dazu wird eine koschere Suppe gereicht und Klezmer-Musik gespielt. In Planung sind auch mehrere Veranstaltungen mit der Klasse 9 b der Leonardo da Vinci-Schule.

Es sollen Arbeitsgruppen gebildet werden. Diese werden sich unter anderem um alle Dokumentationen im Rathaus kümmern, ein Altersheim besuchen und mit Bewohnern über den Zweiten Weltkrieg reden. Sie sollen Internetrecherchen machen und eine alternative Stadtrundfahrt in Saarbrücken anbieten mit Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers auf der Goldenen Bremm, des jüdischen Friedhofes, der Gestapozelle im Schloss und der jüdischen Synagoge. Die Ergebnisse aller Aktionen dieser Arbeitsgruppen sollen veröffentlicht werden. Außerdem ist ein Projekt unter dem Motto "Wie sehen Schüler und erwachsene Künstler das Thema Auseinanderreißen von Familien ?" geplant. Dazu soll eine Kunstklasse der Gemeinschaftsschule gemeinsam mit Riegelsberger Künstlern Bilder malen.

Zum Thema:

Auf einen BlickZiel des Aktionsbündnisses ist es, das Gedenken an die jüdischen Bürger wachzuhalten, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. An ihre Schicksale sollen so genannte "Stolpersteine" erinnern, die an ihrem zuletzt freigewählten Wohnsitz im Bürgersteig eingelassen werden. Die Steine ähneln kleinen Pflastersteinen und sind quaderförmige Betonsteine mit einer Kantenlänge von etwa 10 Zentimetern, auf deren Oberseite sich eine kleine Messingplatte befindet. Namen, Lebens- und Todesdaten der NS-Opfer werden auf der Platte eingraviert. Die Steine werden in der Regel niveaugleich in das Pflaster des Gehweges eingelassen. Mittlerweile finden sich rund 45 000 Stolpersteine in 900 Orten Deutschlands sowie in 17 weiteren Staaten Europas. Im Saarland wurden die ersten Stolpersteine im Jahre 2007 verlegt. Heute findet man 300 Stolpersteine in 20 Saar-Kommunen. dg