Feiertage mit Hartz IV

Kreis Neunkirchen. Es ist der 20. Dezember und noch kein Weihnachtsgeschenk im Haus. Der Blick auf den Kontoauszug und in den Geldbeutel sagt: Kauft einen Hammer und schlagt euch die Weihnachtsgeschenke aus dem Kopf! Ob meine Kinder das gut finden? Hm, ich glaube nicht, also was machen? Meine bessere Hälfte hat die Idee, mal bei Opa nachzufragen

 Wer mit Hartz IV wirtschaften muss, für den waren die Feiertage nicht einfach. Foto: Mike Wolf/dpa

Wer mit Hartz IV wirtschaften muss, für den waren die Feiertage nicht einfach. Foto: Mike Wolf/dpa

Kreis Neunkirchen. Es ist der 20. Dezember und noch kein Weihnachtsgeschenk im Haus. Der Blick auf den Kontoauszug und in den Geldbeutel sagt: Kauft einen Hammer und schlagt euch die Weihnachtsgeschenke aus dem Kopf! Ob meine Kinder das gut finden? Hm, ich glaube nicht, also was machen? Meine bessere Hälfte hat die Idee, mal bei Opa nachzufragen. Was bleibt uns übrig? Keine Weihnachtsgeschenke wäre die Alternative, aber letztendlich auch keine Lösung.

Peter (alle Namen sind von der Redaktion geändert), der beste Mann von allen, erklärt sich dazu bereit, mit Opa zu sprechen. Opa hilft auch und stellt 100 Euro zur Verfügung, aber nur bis zum 31. Dezember, dann braucht er das Geld wieder. Naja, besser als nix. Jetzt geht's ans Rechnen: 100 Euro für vier Weihnachtsgeschenke und Essen über die Feiertage. Nicht besonders viel, aber es muss reichen. Nach den Feiertagen werden wir sehen, wie es weitergeht.

Dann überrascht mich während meiner Maßnahme des Jobcenters eine Nachricht einer guten Freundin: ob ich Lust hätte, mit ihr in einen Einkaufsmarkt zu fahren. Gesagt getan. Die Freundin kauft, kauft und kauft. Am Ende der Besorgungen ist der Einkaufswagen so voll, dass man ihn kaum noch lenken kann. Voller Neid helfe ich meiner Freundin, die Waren im Auto zu verstauen und teile in Gedanken meine 100 geliehenen Euro auf. Ein Geschenk für Oma, eins für Opa und jeweils eins für die beiden Kids - für die "Große" und für Schatzi habe ich inzwischen schon was besorgt. Am Ende sind es folgende Geschenke: ein Bild der Kinder mit Rahmen für Oma (7,25 Euro), ein Heizer fürs Bad für Opa (12 Euro), für die Kids jeweils ein Gutschein zu zehn Euro, zusätzlich für die Tochter noch ein Armband für 2,99 Euro und für den Sohn ein Deo für 2,75 Euro. Der Rest muss für Essen und Getränke langen, und da ich (wie ich zu meiner Schande gestehen muss) rauche, auch noch für Tabak für drei Tage.

Und es geht, es reicht, wie es immer geht und reicht. Gott sei Dank haben wir schon rechtzeitig eine Ente für den Heiligen Abend besorgt, sodass es ein richtiges Festessen gibt. Dank Oma, Opa, Tante und großer Schwester, die für die "großen" Geschenke zuständig sind, freuen sich die Kinder auch über die kleinen Geschenke, zumal ich ihnen beigebracht habe, dass es an Weihnachten Wichtigeres gibt als Geschenke. Wir haben einen kleinen Weihnachtsbaum, eine wunderschöne große Krippe und kleine Geschenke, und nicht zuletzt hat Schatzi uns ein wunderbares Essen gezaubert. Es wird ein schöner, kuscheliger Heiliger Abend, mit vielen rührenden Tränen und Umarmungen - und das kann man sich für alles Geld der Welt nicht kaufen. Wenn man knapp bei Kasse ist, besinnt man sich mal wieder mehr auf den Ursprung von Weihnachten, und wir freuen uns einfach darüber, dass wir uns haben und lieben.

Auf einen Blick

Unsere Familie besteht aus zwei arbeitslosen Erwachsenen, beide in den 50ern, und zwei Teenagern. Kathrin (Namen von der Redaktion geändert) macht Bundesfreiwilligendienst. Thomas macht, so Gott will, bald Abitur. Wir sind Hartz-IV-Empfänger und müssen von etwa 800 Euro im Monat unseren Lebensunterhalt bestreiten. Das sind etwa 6,66 Euro pro Tag und Person für Essen, Trinken, Kleidung, Toilettenartikel, Reinigungsmittel, Zeitungen, Bücher, Kino, Internet, Fahrkarte nach Saarbrücken, Tabak, und alles, was man sonst noch braucht, zum Beispiel muss mal ein Zimmer neu gestrichen werden, Teller gehen mal kaputt . . . Abgezogen sind Strom, Versicherungen, Zusatzkosten zur Miete (da diese ein paar Euro zu hoch ist) und Schulden zahlen. Mein Ziel ist es, hier zu beschreiben, wie wir unseren Alltag mit Hartz IV meistern, ohne an den Rand der Gesellschaft zu geraten und ohne dass aus unseren Kindern ebenfalls Hartz-IV-Empfänger werden.

Hintergrund

Der Name "Hartz IV" hat sich umgangssprachlich eingebürgert, eigentlich handelt es sich um "Arbeitslosengeld II", das die Grundsicherung Bezugsberechtigter ermöglichen soll. Hilfebedürftig im Sinne von Hartz IV ist, wer den Lebensunterhalt, Eingliederung in Arbeit und Lebensunterhalt mit ihm in Bedarfsgemeinschaft lebender Personen nicht oder nicht ausreichend selbst sichern kann und die nötige Hilfe nicht von anderen, insbesondere von Angehörigen oder von Trägern anderer Sozialleistungen, erhält. (Paragraf 9 SGB II). red