„Es ist Ruhe und Frieden im Ort“

„Es ist Ruhe und Frieden im Ort“

Um die 182 Flüchtlinge in Riegelsberg kümmert sich das Hilfe-Netzwerk Riegelsberg. Hand in Hand arbeiten dabei vor allem Bürgerinnen und Bürger sowie die Verwaltung und die ABG (Ausbildungs- und Beschäftigungsförderungsgesellschaft gGmbH). Unsere Mitarbeiterin Monika Jungfleisch sprach mit Birgit Huonker (Die Linke) und Jutta Christmann (CDU), die das Hilfe-Netzwerk Riegelsberg parteiübergreifend auf die Beine gestellt haben, über ihre persönliche Bilanz und die Perspektiven für 2017.

Als ab Herbst 2015 viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen, halfen Kommunen, Hilfsorganisationen und vor allem viele Bürger , den von Krieg und Flucht gezeichneten Menschen. Sie stellten Wohnungen, Kleidung, Essen zur Verfügung. Dies alles klappte in der Gemeinde Riegelsberg fast reibungslos. Was waren die ersten großen Herausforderungen für Ihr Hilfe-Netzwerk?

Birgit Huonker : Erst im Laufe der Zeit wurde uns bewusst, wie sehr die Flüchtlinge traumatisiert sind. Wenn zum Beispiel eine Mutter ihre kleine Tochter stundenlang nach dem Kentern des Bootes in ihren Armen hält und nach ihrer Rettung feststellt, dass ihre Tochter inzwischen im kalten Wasser erfroren war. Ehrenamtliche Helfer sind mit solchen Situationen heillos überfordert. Aber wir haben alle gemeinsam etwas geschaffen: Es ist Ruhe und Frieden im Ort. Klar gibt es kleinere Probleme, aber nichts, was nicht zu schaffen wäre.

Sind eher junge Männer oder Familien nach Riegelsberg gekommen?

Jutta Christmann: Anfangs kamen fast nur junge Männer, die nicht als Kanonenfutter für Assads Armee oder den IS dienen wollten. Sie mussten schnellstens das Land verlassen, später kamen Familien mit Kindern.

Wo wohnen sie, gehen sie in Integrationskurse, welche berufliche Chancen haben sie?

Huonker: Die Flüchtlinge leben großteils in privaten Wohnungen. Die ersten, die vor zwei Jahren kamen, sprechen inzwischen gut Deutsch, arbeiten in sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen, beispielsweise in einer Schreinerei. Andere studieren an der Uni Mathematik oder Informatik. Andere arbeiten auf 450 Euro-Basis als Reinigungskräfte oder in der Gastronomie. Die meisten besuchen aber noch täglich die "Schule", lernen also Deutsch. Da gab es Schwierigkeiten. Ich habe mich anfangs so sehr über bürokratische Hürden geärgert. Da habe ich einfach Nägel mit Köpfen gemacht und eine "Sprach-Schule" nach Riegelsberg geholt.

Christmann: Stolz sind wir zum Beispiel auf Khaled, der seine Führerscheinprüfung in deutscher Sprache gemacht hat und mittlerweile eine Fahrlehrer-Ausbildung absolviert und sich mit deutschen Gesetzestexten wie der Straßenverkehrsordnung auseinandersetzt.

Wie ist die Fluktuation der Flüchtlinge ? Sind schon welche freiwillig zurückgegangen, was wurde aus den Ausgewiesenen?

Huonker: Ein Flüchtling aus dem Libanon ist freiwillig zurückgekehrt, ein Syrer ging zurück in die Türkei, eine Familie, die nach Illingen gezogen ist, will wieder zurück nach Riegelsberg . Und eine Mutter mit ihren zwei minderjährigen Kindern wurde nach Spanien abgeschoben. Es geht ihnen nicht gut, wie wir wissen. Übrigens war dies bisher die letzte nächtliche Abschiebung einer Mutter mit Kindern.

Was ist für 2017 geplant?

Christmann: Verstärkte Kontakte mit Riegelsberger Bürgern, um Ängste abzubauen. Jobbörse, Veranstaltungen zum Thema Versicherungen in Deutschland, vermehrt Kulturelles: singen und tanzen.

Nach den Anschlägen . . .

Christmann: . . . haben viele Flüchtlinge auch hier Angst, unter Generalverdacht gestellt zu werden. Sie verurteilen Terror, vor dem sie selber geflohen sind, genauso wie wir. Am meisten wünschen sie sich, dass sie bald selbstbestimmt einen Arbeitsplatz finden - wodurch sie dann auch in unsere Sozialsysteme einzahlen. Sie sind den Deutschen sehr dankbar. Sie können hier in Frieden leben, und das ist gut so.

Zum Thema:

Hintergrund Die aktuellen Zahlen: 182 Flüchtlinge leben zur Zeit in Riegelsberg und Walpershofen. 58 davon sind Kinder. Die überwältigende Mehrheit ist aus Syrien geflohen, etwa 25 stammen aus Afghanistan. Unter den Syrern sind etwa zwölf Christen, die Mehrheit sind Muslime. mj

Zum Thema:

Auf einen Blick Das Hilfe-Netzwerk Riegelsberg bietet, dank 60 Riegelsberger Bürgern und etwa 40 Helfern: Zusätzliche Deutschkurse, Mutter-Kind-Unterricht, Fahrradwerkstatt, wöchentliche Näh- und Strickstunden, Fahrdienste zu Ärzten oder ähnliches, Schwimmtraining, juristische Beratung, Bewerbungsunterlagen, Organisation von Job- und Ausbildungs-Informationen, Besuch von Betrieben in Zusammenarbeit mit IHK und Handwerkskammer, Kunstprojekt mit Leslie Huppert, Teilnahme am Weihnachtsmarkt und Marktfest, Mitorganisation beim Begegnungstreff der Pfarreiengemeinde Riegelsberg /Köllerbach, deutsch-syrische Treffs in der evangelischen Kirchengemeinde Güchenbach, Mithilfe beim Projekt "Heimatlos" des Regionalverbands und ähnliches mehr. mj

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