Die Relativität des Glücks

Riegelsberg/Asunción. Als ich Carmen zum erste Mal begegnete, glaubte ich, großes Mitleid mit ihr empfinden zu müssen. Mit ihrer vierjährigen Tochter Luzero an der Hand spazierte die 20-Jährige in unser Projekt. Seitdem kommt sie jeden Tag als Köchin

Riegelsberg/Asunción. Als ich Carmen zum erste Mal begegnete, glaubte ich, großes Mitleid mit ihr empfinden zu müssen. Mit ihrer vierjährigen Tochter Luzero an der Hand spazierte die 20-Jährige in unser Projekt. Seitdem kommt sie jeden Tag als Köchin. Ihre Familie erhält seit Jahren von der Fundacion Fundar Unterstützung, damit die jüngsten der zwölf Geschwister nicht mit dem Pferdekarren nach wiederverwertbarem Plastikmüll suchen müssen.

"Eine, die in diesem Entwicklungsland kaum Chancen hat, aus dem Loch der Armut zu fliehen. Eine, die im Kreislauf aus brotloser Arbeit und mangelnder Bildung hängen geblieben ist." Das waren meine ersten Gedanken, als ich Carmen sah. Fünf Monate später fiel mir eine Statistik in die Hand, und ich musste mich für meine Einstellung schämen. Carmen gehört nämlich auch zu jenen, die im zweitglücklichsten Land der Welt leben.

Laut einer Studie des Gallup-Instituts sagen 85 Prozent der Paraguayer von sich selbst, vollkommen glücklich zu sein. Damit landet Paraguay bezüglich des Glücksempfindens weltweit auf Rang zwei und hängt Wohlstandsländer wie Deutschland (Rang 52) um einiges ab. Tatsache ist aber auch, dass rund ein Drittel aller "Paraguayos" unter der Armutsgrenze leben muss. Korruption und Kriminalität sind allzeit präsent. Das Leben ist geprägt von wirtschaftlicher Stagnation, gesellschaftlichen Einschränkungen und finanziellen Unsicherheiten.

Was also ist es, das die Menschen hier glücklich macht? Von Carmen durfte ich einiges lernen. Ihre Lebensgeschichten kenne ich mittlerweile alle. Sie handeln von ihrem Schulabbruch mit 15, von ihrem leiblichem Vater, den sie nie kennengelernt hat, von ihrer skurrilen Beziehung zu dem reichen, schon recht alten Vater ihrer Tochter. Trotzdem erzählte sie mir auch an ihrem ersten Arbeitstag: "Mein Leben ist perfekt. Ich habe alles, was ich für mich und meine Tochter brauche. Sie ist alles für mich. Ich bin glücklich."

Heute gerate ich weniger ins Staunen über diese Worte als damals. In den nun schon sieben Monaten hier erfuhr ich oft, dass es in der Natur vieler Südamerikaner liegt, sich auf das Positive im Leben wie Freunde, Familie und hier auch die Religion zu fokussieren. Mit einem "tranquiiiiiiilo" ("nur die Ruhe") lässt man alles scheinbar sorgenlos auf sich zukommen. An längerfristiges Planen oder gar Sparen wird nicht gedacht. Carmen weiß heute nicht, was sie morgen macht, und ihr monatliches Gehalt von rund 80 Euro verteilt sie mehr oder weniger spontan. Auch rückt man näher zusammen und genießt die kleinen, schönen Dinge im Leben. Mit Carmen gehe ich nicht wie mit deutschen Freundinnen ins Café, um mir lange zu überlegen, welcher Kaffee mir gerade am meisten zusagt. Stattdessen landen wir hier nach der Arbeit in Carmens Hütte und warten darauf, dass irgendwer vorbeikommt, um Tee zu trinken, auch wenn es oft nur der Esel ist, der seinen Kopf an meinem Schuh kratzen möchte.

Wir haben Spaß zusammen! Carmen liegt immer ein Scherz auf den Lippen, und die kleine Luzero hält uns auf Trab. Man schenkt sich ein, entspannt, erzählt, lacht und genießt. In solchen Momenten verstehe ich dann, dass nicht alles so ist, wie es scheint.

Dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Dass Carmen mit Recht behaupten kann, dass sie alles besitzt, was sie braucht. Denn sie ist glücklich.

Hintergrund

Beatrice und Carmen (unten) in der Kinderbetreuung.
Carmens Hütte (links) in Villa Elisa, einem Vorort von Paraguays Hauptstadt Asunción.

Das Gallup-Institut (Gallup Inc.) befragte 2012 je rund 1000 Personen in 148 Ländern zu ihrem Empfinden von Glück. Entscheidend waren die Fragen: Fühlen Sie sich ausgeglichen? Wurden Sie in letzter Zeit mit Respekt behandelt? Haben Sie viel gelacht, etwas Neues und Interessantes gelernt? In den letzten Tag das Gefühl von Freude erlebt? Genießen Sie Ihren Alltag? In Paraguay antworteten 85 Prozent ausschließlich mit Ja. Das bedeutet Rang zwei hinter Panama im Index der glücklichsten Länder. Deutschland liegt auf Rang 52. Das erste westliche Land ist Kanada auf Rang 11. In Europa liegen die Niederlande (14), Irland (15) und Dänemark (16) vorn. red