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Die Ordnung im Wald-Durcheinander

Förster Christoph Dincher bei der sogenannten Schlagpflege im Wald in Saarbrücken-Von der Heydt. Foto: Becker&Bredel
Förster Christoph Dincher bei der sogenannten Schlagpflege im Wald in Saarbrücken-Von der Heydt. Foto: Becker&Bredel FOTO: Becker&Bredel
Riegelsberg. Was im Wald nach Chaos aussieht, hat dennoch seinen Sinn und seine Ordnung. Wälder werden heute schon hundert und mehr Jahre vorausgedacht, und da kann der Förster Aufgeräumtheit gar nicht brauchen. Peter Wagner

Wie in jedem Handwerk, so wird auch in der Forstwirtschaft nach getaner Arbeit die Baustelle aufgeräumt. Die Besitzer bringen Ordnung in den Wald, wobei das heutige Ideal allerdings deutlich von dem abweicht, was noch vor wenigen Jahrzehnten als gute fachliche Praxis galt. Die Eingriffe sind eher subtil als offenkundig, und manch aufgeräumter Forst wirkt auf den Laien trotzdem chaotisch. Christoph Dincher aus Haustadt bei Merzig, 52, Saarforst-Revierleiter in Riegelsberg , versteht unter einem "aufgeräumten" Wald etwas anderes als sein Vater, der auch Förster war. Zu dessen Zeiten strebte man einen "ordentlichen" Bestand von schönen, geraden Bäumen an, in dem kein Totholz das Auge störte. Da auch kleine Äste gesammelt wurden (was nach dem Krieg auch dem dringenden Bedarf an Brennholz geschuldet war), wirkten die Wälder fast wie gefegt und Bäume wie Skulpturen auf ebener Fläche.

Dincher junior hat in diesen Tagen die Hiebsaison beendet. 5000 Festmeter Laubholz haben seine Mitarbeiter und beauftragte Firmen seit dem Spätherbst eingeschlagen. Noch immer werden Stämme an die Forstwirtschaftswege zur Abholung durch die Käufer gerückt. Trockenheit ist deshalb der größte Wunsch des Forstwirtes. Was viele Spaziergänger in diesen Tagen verwundert, sind die in den Beständen liegen gebliebenen Baumkronen und Äste der gefällten Bäume . Unordnung? Nein, sagt der Förster, alles, was einen Durchmesser von unter zehn Zentimetern hat, wird grob zerteilt und bleibt liegen. Tiere und Pflanzen leben von diesem sich zersetzenden Holz, der Boden erhält Nährstoffe, und junge Pflanzen werden vor Wind und Frost geschützt. Diese Zusammenhänge kennt man noch nicht sehr lange. Es ist deshalb auch nicht erlaubt, die Äste mit nach Hause zu nehmen.

Eine Hauptaufgabe im Wald ist jetzt die sogenannte Schlagpflege: Nach dem Einschlag, bei dem durch fallende Stämme und Rückearbeiten Schäden unvermeidlich waren, werden die verwundeten und geknickten kleinen Bäume gefällt. Weil sie keine Chance haben, groß und stark zu werden und den gesunden Bäumen Platz und Licht wegnehmen, gibt man sie auf. Der Förster will einen nachhaltigen, zukunftsfähigen Wald erzielen, und zwar mit möglichst wenigen, dafür effektiven Eingriffen, mit denen er die Natürlichkeit unterstützt.

Er denkt an den künftigen Ur-Urenkel, der in 100 bis 200 Jahren Förster sein wird und werthaltige Bäume ernten muss. In der Fachsprache ist denn auch von "Zukunftsbäumen" und "Auslesebäumen" die Rede.

Maximal 70 bis 100 von mehreren tausend Bäumen auf einem Hektar genießen eine besondere Aufmerksamkeit. Man nimmt konkurrierende Bäume aus ihrer Umgebung weg oder bremst ihr Wachstum durch Abziehen der Rinde, bis sie langsam in sich zusammenfallen. Den Begriff "Eliteförderung" mag Dincher dennoch nicht, denn schließlich haben in diesem System der "Jungwuchspflege" auch krumm gewachsene und schief stehende Exemplare ihre Daseinsberechtigung, solange sie nicht zum "Bedränger" des Zukunftsbaumes werden. Im früheren "ordentlichen" Wald galten sie prinzipiell als "schlecht" und kamen weg.

In den meisten saarländischen Wäldern, ob staatlich, kommunal oder privat, setzt man auf naturnahe Waldbewirtschaftung und natürliche Verjüngung. Holz wird nicht mehr großflächig angebaut und bei Reife in Kahlschlägen geerntet. Man nimmt vielmehr die ernetreifen Bäume einzeln aus den Beständen. Das gibt Licht für junge Bäumchen. Dennoch kommt es in diesen Tagen vereinzelt zu Pflanzungen, und zwar dort, wo die Naturverjüngung nicht ausreicht oder wo man Baumartenwechsel anstrebt, also etwa Fichtenreviere in Mischwälder umbaut. Diese zwar künstliche, wenn im Kern aber doch nicht unnatürliche "Familienplanung" im Wald geschieht übrigens bevorzugt mit eigenem Nachwuchs. Die Tannen für den Saarkohlenwald holt man gern in Weiskirchen.