Der Traum vom spontanen Alltag

Sandra Zieger wird allerorten „integriert“. Viel lieber wäre der Rollstuhlfahrerin aus Riegelsberg, wenn die Bedingungen so wären, dass sie eigenständig zurechtkäme.

"Ich habe alles, es läuft gut", sagt Sandra Zieger aus Riegelsberg und denkt dabei vor allem an daheim und an den barrierefreien Arbeitsplatz bei Saartoto, wo die 36-Jährige halbtags arbeitet. Seit einem Unfall, bei dem sie ein Schädelhirntrauma und eine bakterielle Infektion erlitt, ist sie halbseitig gelähmt, pflegebedürftig und bewegt sich im Rollstuhl fort. Zur Erlangung des Führerscheins nahm sie Fahrstunden. Da sie aber rechtsseitig ertaubt und fast blind ist, gab sie das Vorhaben auf. Sandra Zieger hängt dem Traum aller Gehandicapten nach: aus freiem Willen mit eigener Kraft spontan am Alltag teilnehmen, ohne um Hilfe bitten zu müssen oder anderen Umstände zu machen. Das geht aber selten. Theoretisch könnte sie mit dem Rollstuhl durch Riegelsberg fahren, praktisch kommt sie nur bis zum nächsten geparkten Auto, das den Gehweg verstellt. Wenn sie mit dem Zug verreisen will - Urlaub zählt neben Lesen zu ihren Leidenschaften - muss sie vorher die Bahn informieren.

Viele Adressen, deren Räume angeblich "100 Prozent barrierefrei" sind, haben keine Behindertentoilette. Ihren frühen Wunsch nach einem Beruf in der Forst- oder Tierwirtschaft gab Sandra Zieger notgedrungen auf. In einem Förderwerk in Heidelberg absolvierte sie ihre Lehre zur Bürokauffrau. Eine Weiterbildung stellte sich aber als schwierig heraus, vor allem wegen der Ungeeignetheit von Schulbauten. Von 2005 bis 2007 war sie berufsbegleitend in der Fachoberschule Wirtschaft (KBBZ Brebach-Fechingen)- "weiter bin ich nicht gekommen". Dennoch das Fazit: "Ich bin mit meinem Werdegang einigermaßen zufrieden, manches hätte besser laufen können, aber ich habe die Dinge so angepackt, wie sie sich ergeben haben."

Um den 5. Mai veranstalteten Verbände und Organisationen der Behindertenhilfe und der Selbsthilfebewegung im Saarland den europäischen Protesttag für Menschen mit Behinderung. Es ist ihr Anliegen, in der Normalität aufzugehen, anstatt ständig "integriert" zu werden oder geholfen zu bekommen. Deutschland, so Zieger, sei in vieler Hinsicht noch "arrogant und ignorant gegenüber Behinderten", wenn auch meist aus Oberflächlichkeit, nicht vorsätzlich. Meist ärgert sie sich nicht mehr darüber, dann wieder doch. Das sollte vielleicht ein Nachdenken wert sein.

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