Ricarda Ciontos besuchte die Saarbrücker Schauspielschule

Von Rumänien über Saarbrücken nach Berlin : Saarbrücken stärkte das Durchhaltevermögen

Ricarda Ciontos wurde, als sie die zum nordischen Theater entdeckte, in Berlin Gründerin – und Leiterin des Nordwind Festivals.

Ricarda Ciontos hat 2006 in Berlin quasi im Alleingang das Nordwind Festival gegründet und bis heute zu einer der wichtigsten europäischen Plattformen für nordische Künste aller Disziplinen aufgebaut. Dass sie die Power hat, so ein Riesenprojekt aufzuziehen, hat sich Ciontos als junges Mädchen wohl nicht träumen lassen. Geboren 1968 in Rumänien, kam sie mit elf Jahren nach Deutschland und wuchs wohlbehütet in Heidelberg auf. So mit 15 oder 16, erinnert sie sich, reifte der Wunsch, Schauspielerin zu werden. Da sie aber keine Ahnung hatte, wie man das angeht, studierte die Abiturientin erst mal ein paar Semester Politologie und Französisch, bevor sie sich auf den Weg machte, um bei Schauspielschulen vorzusprechen, in Frankfurt, in Stuttgart.

Welche Menschenmassen da zur Bewerbung eintrafen, habe sie ganz schön schockiert, erzählt Ciontos. Insofern fand sie Saarbrücken, die überschaubare Stadt mit ihrer kleinen Schauspielschule, die ihr den Zuschlag gab, gar nicht verkehrt. Die Ausbildung aber, lässt sie durchblicken, war kein Zuckerschlecken. Rückblickend resümiert die 51-Jährige, waren die drei Saarbrücker Jahre – von 1992 bis 1994 – für sie aber ein wichtige Zeit: „Die Schule hat einem auf ein sehr direkte Weise beigebracht, sich durchzubeißen, auch durch sehr harte und unangenehme Situationen, und emotionale Muckis zu entwickeln.“ Somit habe ihr die Schule ein Rüstzeug verschafft, ohne das sie es wohl nie geschafft hätte, ihr Festival aufzubauen.

Doch zunächst zog es sie auf die Bühne: Schon im dritten Studienjahr fuhr sie zum Vorsprechen nach Wien, zum Theater in der Josefstadt, weil dort ein Regisseur war, mit dem sie unbedingt zusammenarbeiten wollte. Das hat auch geklappt. Ricarda Ciontos bekam einen Elevenvertrag, kehrte nur nach Saarbrücken zurück, um die Prüfung abzulegen. Sieben Jahre blieb sie in Wien, dann trieb sie der Wunsch, ihre Wurzeln zu erkunden, nach Rumänien. „Das war eine interessante Zeit“, sagt sie und muss schmunzeln. Denn sie sei einfach hingefahren, nach dem Motto „hier bin ich“ und habe dann zwei Jahre lang dort arbeiten könnnen, unter anderem in einem Projekt von Andrei Serban. Den berühmten Regisseur vom New Yorker Experimental-Theater La MaMa hatte es damals auch gerade für einige Zeit in das Land seiner Kindheit zurückgezogen.

Für Ciontos ging es 2002 von Rumänien aus weiter zu neuen Abenteuern nach Berlin. Sie jobbte frei, merkte aber, in Theaterproduktionen von anderen mitzumachen, reichte ihr nicht, sie wollte eigene Projekte auf die Beine stellen. Das erste, in dem sie auch noch auf der Bühne stand, zusammen mit skandinavischen Kollegen, war Ingmar Bergmans „Herbstsonate“. Da sprang der Funke über: „Ich merkte, die Skandinavier gehen völlig anders um mit Texten und Themen, ich wollte mehr darüber wissen.“ Und das, so dachte sie damals, gehe am besten, wenn sie ein paar Theatergruppen aus Skandinavien nach Berlin einladen würde. Also gründete sie das Nordwind Festival. Das erste, 2006, machte sie im Probenraum des English Theatre mit 40 Plätzen und mit wenig Geld. Die Organisation war „grauenvoll“, so Ciontos, aber die nordischen Botschaften wurden neugierig. „Dann haben mich die Botschaften eingeladen, einfach mal in ihre Länder, nach Finnland, Dänemark, Norwegen, und haben mir die ersten Reisen bezahlt“, erzählt sie.

Das zweite Festival, zwei Jahre darauf, sei dann besser organisiert gewesen, die Presse habe gut berichtet. Ciontos war in eine Lücke gestoßen. Es gab sehr viele international auftretende Künstler aus Nordeuropa, aber in ganz Europa kaum ein Festival, das sie gebündelt präsentierte. Mit dem folgenden Festival kam der große Sprung: Große Förderer wie die Stadt Berlin, die Volksbühne und Kampnagel in Hamburg stiegen finanziell mit ein. Ciontos baute ihr Nordwind Festival in alle Richtungen aus, nahm neben Theater auch Musik, Bildende Kunst, Literatur und sogar Architektur mit auf, ging in die größten Häuser nicht nur in Berlin, auch nach Hamburg, Dresden-Hellerau, Bern.

Mit ihrer Vorliebe für radikale, eigensinnige Künstler hat Ciontos inzwischen so manchem zum Durchbruch verholfen, wie etwa der dänischen Gruppe Signa, die nach ihrem Nordwind-Auftritt zu den Berliner Festspielen eingeladen wurde, oder dem norwegischen Theaterduo Vinge und Müller, die jetzt zu den Hauptkünstlern der Volksbühne unter René Pollesch gehören. Zehn Jahre habe sie 14 Stunden täglich geackert, sagt Ciontos. Durchhalten, sich durchbeißen, das hatte die Festivalchefin in Saarbrücken ja gelernt.