Rheinische Superintendenten der evangelischen Kirche zu Besuch im Saarland

Rheinische Superintendenten besuchen das Saarland : Saar-Protestanten stellen sich Reformen

Vertreter der Evangelischen Kirche im Rheinland sind zu Gast in der Region. Superintendenten sprechen über künftige Herausforderungen.

Zum ersten Mal besuchen die Superintendenten und die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche im Rheinland das Saarland. Bis einschließlich diesen Mittwoch möchten die leitenden Geistlichen die Region besser kennenlernen. Im Mittelpunkt der dreitägigen Reise stehen Gespräche mit Gemeindevertretern, Kommunal- und Ladespolitikern sowie Vertretern der Partnerkirchen in Luxemburg und Lothringen. Die SZ sprach mit den Superintendenten der Kirchenkreise Saar-West und Köln-Süd, Pfarrer Christian Weyer und Pfarrer Bernhard Seiger, über die Herausforderungen, vor denen die evangelische Landeskirche in den kommenden Jahren stehen wird, und, welche Reformen notwendig sind, um in Zukunft flächendeckend gut aufgestellt zu sein.

Eines sei sicher, wie die beiden Superintendenten sagen: Eine Reform wie im katholischen Bistum Trier mit seinen Großpfarreien werde es bei den Protestanten nicht geben. Ein leitender Pfarrer beispielsweise für 70 000 Gemeindemitglieder, sei nicht mehr „lebbar“, sagt Seiger. Obwohl die Anzahl der Gemeindemitglieder sowohl im eher ländlichen Saarland als auch in Köln von Jahr zu Jahr sinkt. „Wir verlieren pro Jahr im Saarland rund 2000 Gemeindemitglieder“, sagt Superintendent Weyer. Die Hälfte davon sei dem demografischen Wandel geschuldet, die anderen 50 Prozent treten aus der Kirche aus. Die Evangelische Kirche im Rheinland zählt eigenen Angaben zufolge derzeit 135 700 Mitglieder im Saarland.

Außerdem sehen sich die Gemeinden mit einem akuten Bewerbermangel für die Pfarrstellen konfrontiert. „Wir haben im Saarland einen hohen Altersdurchschnitt im Pfarrdienst. Demnächst wird es eine extreme Pensionierungswelle geben.“ Kooperationen zwischen den Gemeinden seien zukünftig daher unabdingbar. Aber nicht wie bei ihren katholischen Kollegen „von oben“ vorgegeben, sondern von der Gemeinde aus gedacht. Sich als Großorganisation zusammenzuschließen könne zuweilen zur Effektivität führen, aber die Menschen würden dadurch ihre Bindung an die Gemeinde verlieren. „Menschen identifizieren sich mit ihrem Ort, ihrer Kirche, wo sie ehrenamtlich mitarbeiten. Und das fällt leichter, wenn sie Entscheidungskompetenz haben. Das wollen wir in unseren Reformprozessen beibehalten“, sagt Seiger. Wie die Kirchengemeinden dies letztlich ausgestalten, müssen und dürfen sie selbst entscheiden. Die Superintendenten stünden dabei beratend zur Seite.

Gelungen sei dies schon in der Fusion zwischen den zuvor drei Saarbrücker Gemeinden in St. Johann. Aktuell befänden sich die Gemeinden Alt-Saarbrücken, Rodenhof und St. Arnual in einem Kooperationsprozess. Ebenso die vier Gemeinden im Köllertal, die 2024 endgültig fusionieren würden. Die Messgröße für die Einrichtung einer Pfarrstelle liegt nach Angaben von Weyer im Saarland dieses Jahr noch bei 2200 Gemeindemitgliedern, ab 2020 bei 3000. „Es kann auch sein, dass vier oder fünf Stellen zu einer sinnvollen Struktur zusammengefasst werden“, sagt Weyer. Für ihn spiele dabei aber eine wichtige Rolle, wie weit gerade auf dem Land die Gottesdienststellen voneinander entfernt liegen.

Um das Gemeindewesen weiter aufrechterhalten zu können, sei es auch notwendig, Aufgaben zu verteilen. Anders als in der katholischen Kirche, „haben wir die Möglichkeit, auch Nicht-Theologen mit einer geordneten Ausbildung mit der Ordination auszurüsten. Die können dann ebenso taufen, trauen, beerdigen, das Abendmahl spenden“, sagt Weyer. Es werde in Zukunft Sache der Pfarrer und Pfarrerinnen sein, die Menschen auszubilden und für diese Aufgaben zu befähigen.

Neue Konzepte, die an den Lebensbedingungen der Menschen angepasst sind, gehörten auch zu einer zukunftsfähigen, lebendigen Gemeinde. Mit „Fresh Expressions“, das vergangene Woche im Kirchenkreis Saar-Ost vorgestellt wurde, sollen Menschen erreicht werden, die mit der traditionellen Gemeindearbeit nicht viel anfangen können. Ganz niederschwellig werde Kontakt im Alltag gesucht. „Wir müssen schauen, wo die Menschen eigentlich leben, wo sie sich aufhalten. Was sind ihre Bedürfnisse nach Gemeinschaft, welche Themen stehen im Vordergrund?“, sagt Seiger. Mit der „Nacht der Kirchen“ und Taufgottesdiensten an Bächen und Weihern hätten die saarländischen Kirchengemeinden schon sehr gute Erfahrungen außerhalb der ausgetretenen Pfade gemacht, sagt Weyer. Auch die Stadtteilarbeit in Kooperation mit den diakonischen Werken, Vereinen und anderen Initiativen soll weiter ausgebaut werden. Für die Kirche seien das „natürliche Partner“.

Nicht so eng sei das Verhältnis zwischen Kirche und Staat, und dennoch würden beide am selben Strang ziehen. „Die Kirchen tragen dazu bei, dass Bildung funktioniert, dass ein gesellschaftlicher Zusammenhalt da ist und ein guter Umgang in den Kommunen stattfindet“, sagt Seiger. Das werde auch lange so bleiben, sofern die politische Stimmung nicht kippt. „Es gibt Parteien, die ein Interesse daran haben, Staat und Kirche deutlich zu trennen – von ganz links und ganz rechts. Wir müssen uns genau anschauen, wofür die einzelnen Parteien stehen.“ In Luxemburg erfolgte solch ein „harter Einschnitt“. Die Delegation machte am vergangenen Montag auch dort Station, um mit Politikern und Kirchenvertretern zu sprechen und um zu schauen, „was wir daraus lernen können“, sagt Weyer.

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