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„Wir holen 20 Prozent“

AfD-Landeschef Josef Dörr an symbolträchtiger Stelle in seiner Heimatgemeinde Quierschied: am Förderturm in Göttelborn, der, kaum gebaut, nicht mehr gebraucht wurde. Der 78-Jährige schätzt diesen Ort auch, weil er selbst ein paar Monate lang im Bergbau gejobbt hat. Foto: Iris Maurer
AfD-Landeschef Josef Dörr an symbolträchtiger Stelle in seiner Heimatgemeinde Quierschied: am Förderturm in Göttelborn, der, kaum gebaut, nicht mehr gebraucht wurde. Der 78-Jährige schätzt diesen Ort auch, weil er selbst ein paar Monate lang im Bergbau gejobbt hat. Foto: Iris Maurer FOTO: Iris Maurer
Quierschied. Vielen politischen Beobachtern gilt der Einzug der AfD in den nächsten Saar-Landtag als höchst wahrscheinlich. Dass die Rechtspopulisten dort wohl isoliert wären, ficht Landeschef Josef Dörr nicht an: Seine Partei zwinge die anderen allein durch ihre bloße Existenz, sich auf ihre Themen einzulassen. Oliver Schwambach

Was könnte dieser Mann nicht alles tun? Eine - einheitliche - Mundart fürs Saarland ersinnen, die Universalsprache Esperanto reformieren. Oder auch den großen politischen Roman verfassen. Eigenwillige Projekte hat der umtriebige Josef Dörr reichlich. Und an vielen arbeitet er bereits. Seit 2015 aber ist der 78-Jährige Landeschef einer aufstrebenden Partei, der Alternative für Deutschland (AfD). Und das nimmt den Lehrer im Ruhestand völlig in Anspruch.



"341 Mitglieder aktuell", meldet Dörr, "Tendenz steigend". Kaum verwunderlich, die vielen Flüchtlinge , die nach Deutschland kamen, dazu oft diffuse Überfremdungsängste bliesen der rechtspopulistischen Partei mächtig Wind unter die Flügel. Auch für den Saar-Verband attestierte eine Umfrage im Mai elf Prozent. "Wir hatten aber mehr, 13 oder 14 Prozent", bezweifelt Dörr die Zahlen. Wie das? "Auch Meinungsforschungsinstitute machen Politik", glaubt er. Sehr sicher aber ist er, was seine Partei am 26. März 2017 schaffen kann: "Wir holen 20 Prozent." Schon weil die Menschen in der Flüchtlingsfrage endlich Taten und nicht Gerede wollten. "Man kann der Bevölkerung so viele Flüchtlinge nicht zumuten", sagt er. Was aber dann tun, mit jenen Menschen, die in maroden Booten ihr nacktes Leben übers Mittelmeer retten? Man solle dafür sorgen, entgegnet Dörr, dass sie "ohne Gefährdung ihres Lebens wieder dorthin kommen, wo sie hergekommen sind." So wie das auch die Australier tun.

Drei, vier Köpfe nun sollen den Wahlkampf für die AfD im Saarland prägen: der neue Spitzenkandidat Rudolf Müller , Dörrs Vize Lutz Hecker, er selbst und wohl ein weiterer. Wo man politisch ansetzt, sei klar. "Das Saarland soll ein Spitzenland werden", gibt der Landesvorsitzende als Leitmotiv aus. Angefangen bei der Wirtschaft. Hier müsse man vor allem Hightech-Bereiche wie die Nano-Technologie unterstützen. Zudem müsse für die Sanierung der Straßen und die Verbesserung der Bahnverbindungen deutlich mehr aufgewandt werden. Das zahle sich doppelt aus, glaubt der AfD-Mann, der schon in drei Parteien, der CDU , dem selbst gegründeten CSU-Ableger CSWU und den Grünen Mitglied war: "Von einer guten Infrastruktur profitieren Einheimische wie Touristen."

Ganz oben auf der Agenda auch: Das Saarland soll "Kultur- und Bildungshochburg" werden. Aus jeder Schule könne man einen multifunktionalen Lern- und Kulturort für Jung und Alt machen. So ließen sich auch in kleinen Orten Schulen aufrechterhalten, ist der frühere Lehrer überzeugt. "Das Saarland muss im Bildungsbereich so gut werden, dass man aus anderen Bundesländern seine Kinder hierher in die Schule schickt", schwebt ihm vor. Woher allerdings das Geld für all das kommen soll, lässt er offen. Umso entschiedener jedoch brandmarkt er die schwarz-rote Landesregierung. "Das ist eine Koalition der Unfähigen und Unwilligen."

Gesetzt den Fall, die AfD schafft den Sprung in den Saar-Landtag: Wie will sie dann ihre Ziele umsetzen, da alle derzeitigen Plenums-Parteien in den Rechtspopulisten Schmuddelkinder sehen? "Das stört mich nicht", entgegnet Dörr: "Allein die Tatsache, dass wir da sind, zwingt sie, einen Teil unserer Politik zu machen." Er habe das schon bei den Grünen erlebt, als plötzlich die übrigen Parteien auch auf Öko-Kurs gingen.

Derzeit hat die AfD allerdings auch viel mit sich selbst zu tun. Querelen bestimmen das Bild - im Bund wie zuletzt auch in Baden-Württemberg. Dörr selbst liegt mit der Bundesvorsitzenden im Dauer-Clinch. Wird Frauke Petry im Wahlkampf hier auftreten? "Wenn ich sie einladen würde, bin ich mir nicht sicher, ob sie käme", meint der Landeschef. Aber auch die Saar-AfD selbst hält sich in den Negativ-Schlagzeilen. Etwa weil Dörr und Hecker Kontakte - angeblich unwissend - ins rechtsextreme Milieu hatten. Deshalb droht auch die Auflösung des Landesverbandes; im September soll das Bundesschiedsgericht der AfD darüber befinden. Der 78-Jährige aber ist optimistisch, dass er unbeschadet in den Wahlkampf ziehen wird. "Bei unserem Landesverband läuft alles ideal" - so zumindest sieht das Josef Dörr.