| 21:53 Uhr

100 Jahre Stromerzeugung
Tiefe Einblicke und weiter Ausblick am Weiher

Marvin Schneider (rote Kappe) mit seiner Familie in 100 Metern Höhe: (von links) Norman mit Janine und Frieda Schneider sowie Christoph und Iris Steinmetz mit Jaimie (vor Marvin).
Marvin Schneider (rote Kappe) mit seiner Familie in 100 Metern Höhe: (von links) Norman mit Janine und Frieda Schneider sowie Christoph und Iris Steinmetz mit Jaimie (vor Marvin). FOTO: Thomas Seeber
Quierschied. Etwa 2000 Interessierte kamen zum Tag der offenen Tür des Kraftwerks Weiher. Das erzeugt seit 100 Jahren Strom. Von Anja Kernig

Mit Kind und Kegel einfach mal so durchs Kraftwerk Weiher spazieren – eine Anlage, die immerhin bis zu 1,5 Millionen Haushalte mit Strom versorgen kann? So eine Chance bekommt man nur alle Jubeljahre. Genutzt haben sie etwa 2000 Interessierte, als Kraftwerksleiter Marc Scheller und 70 der insgesamt 125 Mitarbeiter nach einem halben Jahr Vorbereitungszeit die Pforten sperrangelweit öffneten, um den 100. Geburtstag des Standortes gebührend zu feiern.


Wobei dem Jubiläum etwas Kurioses anhaftet: Bringt es doch die Betreiberfirma Steag, fünftgrößter deutscher Stromerzeuger mit Sitz in Essen, gerade mal auf 80 Jahre. An sie war also noch nicht zu denken, als am 21. Januar 1918 der erste Dampfkessel am Weiher bei Quierschied seinen Betrieb aufnahm. Die elektrische Leistung betrug vor 100 Jahren gerade mal fünf Megawatt (MW). Heute bringt das hocheffiziente Steinkohlekraftwerk, der Block Weiher III, 724 MW Leistung. Weiher ist damit einer der ältesten noch Strom produzierenden Standorte in Deutschland – zumindest theoretisch. Faktisch steht das als „systemrelevant“ eingestufte Kraftwerk meist still. Kann aber, wie Scheller informierte, bei Bedarf innerhalb von zwölf Stunden hochgefahren werden.

Nicht lumpen ließ sich die Steag GmbH, um ihren Gästen ordentlich was zu bieten. Zauberer Maxim Maurice und sein „unsichtbarer Geist“ etwa verblüfften im Festzelt mit Kartentricks, Kinder freuten sich über Luftballon-Tiere, die Älteren über Grill-Lachs, „Gefillde“ und vieles andere. Um wirklich Großes zu erleben, musste man allerdings die Komfortzone verlassen. Und siehe da: Schon fühlte man sich ein bisschen wie Gulliver in Brobdingnag bei den Riesen. Alles wirkt leicht überdimensioniert. Der Kühlturm zum Beispiel misst unten, wo das Wasser in Mini-Wasserfällen ins Becken fließt, 100 Meter im Durchmesser. Nebenan hatte das 23-köpfige THW-Team einen mobilen Wassertank aufgebaut, um die Leistungsfähigkeit ihrer Tauchpumpen zu demonstrieren: 2500 Liter pro Minute werden bewegt, eine Badewanne wäre da in knapp vier Sekunden leer. Zum Einsatz kamen die Pumpen beispielsweise 2009, als die Kühlung im Kraftwerk ausgefallen war. Genauso verlassen kann man sich hier auf die Freiwillige Feuerwehr und das DRK, die auch mit ihren Einsatzfahrzeugen zugegen waren.



„Darf ich mal“, fragte der neunjährige Nils schüchtern bei Rene Sulzer nach. Der freischaffende Künstler hatte drei große Tafeln vorbereitet, die man nach Herzenslust mit Graffiti besprühen konnte. Gar nicht so einfach, einen geraden Strich mit der Farbdose hinzukriegen. Die „Kunstwerke“ sollen später einen Ehrenplatz im Kraftwerk bekommen. Dort, im Herzen des Kolosses, konnte man mit Ralf Tabellion vom Fernwärme-Verbund Saar checken, ob Fernwärmeversorgung für den eigenen Privathaushalt Sinn macht. In Quierschied nutzen 800 Haushalte die Abwärme des Kraftwerks Weiher. Andere „Abfallprodukte“ der Stromerzeugung vermarktet die Ettlinger Firma Powerment: Flugasche und Rea-Gips nämlich, aus denen zwar kein Gold, wohl aber ein effizienter Betonzusatz bzw. Gipskartonplatten hergestellt werden.

Als rührige „Fremdenführer“ erwiesen sich Werksmitarbeiter wie Dennis Bonenberger, die ganz ohne Fachchinesisch auskamen. Gleichwohl wurde nicht nur Verfahrenstechnik diskutiert. „Wie es hier am Standort weitergeht“, sei Hauptthema gewesen. Und: „Die meisten denken, wir würden Däumchen drehen.“ Von wegen, halten doch Wartungs- und Instandsetzungsarbeiten die Belegschaft auf Trab. Baff erstaunt war Ortwin Altpeter, der mit Ehefrau Rita und Freunden zu Besuch war. „Ich habe 40 Jahre in Weiher I und II geschafft.“ Damals ging alles noch „von Hand zu Fuß“, heute ist alles modern, „eine digitale Welt“. Beeindruckt zeigte sich auch Günter Altmeyer: „Man kann sich das nicht vorstellen, was da alles erforderlich ist.“ Allein die 6000 Tonnen Kohle pro Tag! Und diese Riesenturbinen. Daran denke kaum jemand, wenn der Strom aus der Steckdose kommt.