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Geduld ist gefragt
Der schlafende Riese ist noch voller Kraft

Imposant ragt der Turm aus dem Umfeld heraus.
Imposant ragt der Turm aus dem Umfeld heraus. FOTO: Thomas Seeber
Quierschied. Das Steinkohlekraftwerk Weiher steht so gut wie immer still. Weil es aber als  unverzichtbar für die Versorgung gilt, bleibt es erhalten. Von Anja Kernig

Geduld. Darin üben Marc Scheller und seine 125 Kollegen sich schon seit einiger Zeit. Denn ihr Steinkohlekraftwerk produziert nur noch selten Strom, zuletzt vor gut einem Jahr: Am 17. Oktober 2017 versorgte der Kraftwerksblock Weiher III nach einem Probestart vier Stunden das Netz mit Strom. Davor war er im April für 13 Stunden in Betrieb.


Das dürfte sich bis 30. April 2020 fortsetzen – so lange schreibt Übertragungsnetzbetreiber Amprion dem Kraftwerk eine sogenannte Systemrelevanz zu. Wobei Kraftwerksleiter Scheller fest mit einer Perspektive darüber hinaus rechnet. Mit dem gesetzlich festgeschriebenen Ausstieg aus der Atomenergie sei eine Versorgungslücke verbunden, die erneuerbare Energien in sonnen- und windarmen Zeiten nicht schließen könnten, sagt er. Aber: „Wir sind uns alle bewusst, dass es mit der Kohle zu Ende geht.“ Wahrscheinlich stufenweise.

Dass es die Braunkohle zuerst treffe, hänge mit deren Umweltbilanz zusammen: „Beim Verbrennen wird ein Drittel mehr Kohlendioxid freigesetzt als bei Steinkohle.“ Die Zukunft heiße erneuerbare Energie, kombiniert mit Gas. Die Betreiber bereiten sich darauf am Standort Weiher vor. Für Scheller wäre das jedenfalls eine „vernünftige Anschlusslösung“.



Zukunftsweisend unterwegs sei Weiher III heute schon mit einem ganzen Dorf aus Containern auf dem Werksgelände, in denen Großbatteriespeicher untergebracht sind. Deren Gesamtleistung betrage 15 Megawatt. Zum Vergleich: 724 Megawatt Leistung schaffe das Kraftwerk.

Momentan komme der Verbraucher um die Kohle noch nicht herum, sagt der Kraftwerksleiter. Von der Rund-um-die-Uhr-Betriebsbereitschaft wollten sich  2000 Besucher bei der 100-Jahr-Feier ein Bild machen (die SZ berichtete).

Pflichtstation auf dem Rundgang war die Kommandozentrale: Früher haben dort 20 Menschen Schalter und Hebel betätigt und Knöpfe gedrückt, heute erledigen das sieben Mitarbeiter per Maus-Klick, die 15 kleinen Bildschirme auf den Tischen und die zehn großen an der Wand im Blick.

Im Kraftwerksbetrieb sei der Betreiber sehr pingelig, was Abgase anbelangt, betont Scheller. Der nach der Rauchreinigung bleibende Gehalt an Ascheteilchen, Staub, Stickoxiden und Schwefeldioxid werde in Echtzeit gemessen. Bei erhöhten Werten, wie sie beispielsweise durch eine defekte Pumpe entstehen können, würden die Ingenieure die Leistung herunterfahren, bis Monteure das Problem behoben haben.

Besucher staunten über den frei hängenden, 120 Meter hohen Kessel. Der nämlich wächst bei 1250 Grad Innentemperatur um bis zu 70 Zentimeter.   Energie zu erzeugen sei relativ simpel, sagt Scheller. Die Kohle werde fein gemahlen und verbrannt. In den an der Kesselaußenwand verlaufenden Rohren verdampft das Wasser, Druck baut sich auf. Wasserdampf treibt die Turbine an, die sich dreht und in einem Generator Strom erzeugt.

In einem Motor verbrenne zudem Grubengas, wobei Strom und Wärme entstünden. Die produzierten 20 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr reichten,  5000 Ein-Familien-Haushalte zu versorgen. Nach dem Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung produziere das Kraftwerk außerdem 15 Millionen Kilowattstunden Fernwärme fürs lokale Netz. In Betrieb ging Weiher III 1976. „Technisch möglich ist eine Laufzeit von 50 Jahren“, sagt Kraftwerksleiter Scheller. Da wären also noch ein paar Jahre drin.

Auch architektonisch ist das Kraftwerk ein interessantes Objekt.
Auch architektonisch ist das Kraftwerk ein interessantes Objekt. FOTO: Thomas Seeber