Karl Kindling leitet die Selbsthilfegruppe Chronische Tinnitus Saarland

Tinnitus : „Es sind viele Scharlatane unterwegs“

Karl Kindling leidet seit 38 Jahren unter Tinnitus. Mit seinem Engagement gegen die Krankheit hilft er Betroffenen.

Es klingt wie ein warmlaufendes Flugzeugtriebwerk, ein Güterzug, das Rauschen des Fernsehers nach Sendeschluss oder wie ein Staubsauger. Es ist laut. Es ist unangenehm – Tinnitus. Zehn Prozent aller Menschen in Deutschland leiden darunter. „Die Geräusche sind da. 60 Sekunden in der Minute, jede Minute einer Stunde. Jeden Tag, Woche für Woche, zwölf Monate im Jahr“, erklärt Karl Kindling, Leiter der Selbsthilfegruppe Chronischer Tinnitus Saarland und selbst Betroffener.

„Ich habe anfangs immer schlechter gehört, musste Fernseher oder Radio immer lauter stellen“, erzählt der heute 76-jährige Quierschieder über den Beginn seiner Leidensgeschichte 1982. Denn die Operation, die eigentlich Besserung versprach, ging schief. Rechts war Kindling fortan taub. Nach dem zweiten Versuch setzte das lautstarke Rauschen im Kopf ein. „Familie, Freunde, Beruf? Es ging mir vieles durch den Kopf“, erinnert sich Kindling, der als Manager einer großen Handelskette für Milliarden-Umsätze verantwortlich zeichnete. „Große Sorge machte sich breit. In meiner Verzweiflung dachte ich auch an Suizid. Psychologische Betreuung gab es für die Patienten damals noch nicht.“

Gedanken, die viele seiner Leidensgenossen auch haben. Denn „die Wissenschaft forscht, aber ein Medikament gegen Tinnitus gibt es noch nicht. Die Krankenkassen sehen Tinnitus sogar noch als Symptom und nicht als eigenständige Krankheit an“, so Kindling. Das ist auch der Grund, warum verschiedene Therapien, die den betroffenen zumindest Linderung der Leiden bringen können, von den Kassen nicht bezahlt werden. Doch der Leidensdruck ist groß. „Manche Menschen geben ein kleines Vermögen aus für Mittelchen und Dinge, die Hilfe versprechen. Es sind viele Scharlatane unterwegs, die den Kranken das Geld aus den Taschen ziehen“, sagt der Betroffene, der seinen Weg, mit Tinnitus zu leben, gefunden hat – und der seine Erfahrungen gerne weitergibt.

„Man sagt, es gibt bis zu 100 Ursachen für Tinnitus“, erklärt Kindling, „man muss lernen, mit der Krankheit zu leben. Als ich in Rente gegangen bin, habe ich eine Aufgabe gesucht. Ich wollte Menschen helfen. Also habe ich Kontakt zur deutschen Tinnitus-Liga aufgenommen und schließlich die Selbsthilfegruppe hier im Saarland übernommen.“

An jedem ersten Freitag im Monat trifft man sich in der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (KISS) in Saarbrücken. Dort gibt es oft Seminare, aber vor allem Informationen und Hilfestellung aus erster Hand.

„Ein Grund für Tinnitus ist Stress. Ich habe gelernt loszulassen. Ich mache täglich eine halbe Stunde Yoga, gehe mit meinem Hund in den Wald“, berichtet Kindling über seine Strategien, den Stress- und damit den Geräusche-Level niedrig zu halten. „Achsamkeitsübungen sind wichtig. Nehmen Sie das Ticken einer Uhr im Wohnzimmer – es nervt. Wenn Sie sich aber auf andere Geräusche konzentrieren, nimmt man das Ticken nicht mehr wahr.“

Am meisten profitierte der Ex-Manager aber von der sogenannten Trigger-Punkt-Behandlung. Mittels Nadeln werden gewisse Punkte in der Muskulatur angeregt. Verspannungen lösen sich, die Geräusche im Kopf werden leiser. Am 7. Februar kommt um 18 Uhr mit Dr. David Budiman einer der führenden Experten auf diesem Gebiet in die Infomationsstelle KISS.

Acht Millionen Menschen in Deutschland sollen an Tinnitus leiden, man rechnet mit bis zu 300 000 Neuerkrankungen im Jahr. „Es ist eine große Belastung, auch für Familie und Umfeld“, sagt Kindling, der seit 46 Jahren verheiratet ist. „Meine Frau muss einiges ertragen.“

Dabei strahlt der Quierschieder eine unglaubliche Lebensfreude und positive Energie aus: „Ich habe Tinnitus, aber ich lasse mich von ihm nicht unterkriegen.“ Eine Einstellung, die anderen Betroffenen hilft und auch Außenstehende begeistert.

www.tinnitus-saar.de