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Gegen das Vergessen
Ein ganz wichtiger Baustein der Erinnerungskultur

Jörn Didas erläuterte den interessierten Besuchern die Ausstellung zur Reichspogromnacht.
Jörn Didas erläuterte den interessierten Besuchern die Ausstellung zur Reichspogromnacht. FOTO: Thomas Seeber
Quierschied. Von Patric Cordier

1982 veröffentlichte die Kölsch-Rock-Band BAP das Lied „Kristallnach“, ein Song gegen das Vergessen, der gerade vor aktuellen politischen Entwicklungen nichts an seiner Bedeutung eingebüßt hat. 80 Jahre nach der Reichspogromnacht gab es an vielen Orten, wo 1939 Synagogen und Häuser brannten, wo Menschen wegen ihrer Religion misshandelt oder ermordet wurden, zahlreiche Gedenkveranstaltungen. In der Quierschieder Gemeindebücherei ist noch bis zum 29. November eine Ausstellung des Adolf-Bender-Zentrums zu sehen. „Die Reichspogromnacht fand nicht nur in den Großstädten und Metropolen statt. Es passierte auch hier bei uns - in Quierschied. So ist es in der Chronik der Gemeinde aufgezeichnet“, sagte Bürgermeister Lutz Maurer zur Eröffnung.


Und tatsächlich zeigen die Stellwände der Ausstellung, was in saarländischen Kommunen an  diesem 9. November 1939 passierte. Jörn Didas, Politikwissenschaftler, Soziologe und Mitarbeiter des Adolf-Bender-Zentrums erzählte die Geschichte der Quierschieder Familie Löb, die in Teilen auch in der Ausstellung nachzuvollziehen ist. Die Brüder wurden damals im offenen Lastwagen durch den Ort gefahren, erniedrigt, beschimpft. Fast die Hälfte der Familie sei später in Konzentrationslagern ermordet worden. Und Didas berichtete von einer Begegnung mit einem der wenigen noch lebenden Zeitzeugen am Rande der Gedenkveranstaltung in Saarbrücken: „Er erzählte von dem, was er als Sechsjähriger in Illingen erleben musste. Wie die Synagoge in Brand gesteckt wurde und die Feuerwehr nur die Nachbarhäuser schützte. Wie der Mob weiterzog zu einem Geschäft, wo die jüdische Inhaberin in Todesangst in einer Ecke kauerte. Bilder, die er nie vergessen hat.“

Didas warnte vor denen, die die Verbrechen der Nazis als „Vogelschiss der Geschichte“ und die Holocaust-Gedenkstätte in Berlin als „Denkmal der Schande“ bezeichnen. „80 Jahre sind in der Zeitgeschichte nur ein Wimpernschlag, für die Erinnerung sind sie schwierig. Denn die Zeitzeugen sterben“, sagte der Wissenschaftler, „wenn wir die Erinnerung aber nicht aufrecht erhalten, wissen wir nicht, was wir heute eigentlich verteidigen.“



Viele Fragen von damals seien auch heute nicht beantwortet. Fragen zu Euthanasie und Zwangsarbeitern, die nicht nur die Völklinger Hütte betreffen. Und die Frage, die Lutz Maurer aufwarf, die jeder auch heute für sich beantworten muss: „Warum haben sich so viele vom Hass anstecken lassen, und warum waren es nur wenige, die mutig widerstanden haben?“

Die Ausstellung in der Gemeindebücherei ist ein wichtiger Baustein der Erinnerungskultur und gegen das Vergessen.