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Nach Messerattacke
Die Angst bleibt in der Marienstraße

FOTO: Michèle Hartmann
Quierschied. Nachdem ein Syrer mit einem Messer bewaffnet in einem Haus rumgelaufen ist, herrscht dort Furcht. Der Bürgermeister will die Lage entschärfen und vor Ort Gespräche führen. Von Michèle Harmtann und Patric Cordier

„Ich habe Angst um mein Leben. Ich habe das Gefühl, meine Familie nicht mehr schützen zu können.“ Das sagt eine Ehefrau und vierfache Mutter, die seit Tagen mit den Nerven am Ende ist. Sie wohnt in der Marienstraße in Quierschied. In dem Haus, in dem auch ein 29-jähriger Mann aus Syrien lebt, mit Frau und fünf Kindern. Am vergangenen Mittwoch kam es in dem Anwesen zu einem folgenschweren Eklat (die SZ berichtete).


Nach Polizeiangaben war der 29-Jährige, der aus einem leerstehenden Ladenlokal im Erdgeschoss Klopfgeräusche gehört haben will, am frühen Mittwochnachmittag mit einem Messer bewaffnet aus dem ersten Obergeschoss nach unten geeilt und hatte dort eine Tür eingeschlagen. Die Polizei war mit mehreren Beamten vor Ort, machte den Mann dingfest und nahm ihn mit zur Inspektion Sulzbach. Zu späterer Stunde ließ er sich freiwillig in die Sonnenberg-Klinik in Saarbrücken einliefern. Bislang wird ihm Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung vorgeworfen. Ob der Mann in seine Wohnung zurückkehrt, ist ungewiss.

Am Donnerstag hat die SZ vor Ort mit der Mutter von vier Kindern im Alter von 7, 9, 11 und 12 Jahren geredet. Die Frau sagt, der 29-Jährige habe bereits am 3. November die Schaufensterscheibe des Leerstands im Erdgeschoss mit einem Feuerlöscher zertrümmert, der Vorfall sei der Polizei bekannt. Richtig schlimm sei es dann am Mittwoch dieser Woche gewesen. Es habe nach 14 Uhr plötzlich so dermaßen geklirrt und gescheppert, etwa 15 Minuten später sei die Polizei mit mehreren Personen und drei Fahrzeugen vor Ort gewesen. Entsetzlich habe sich die Zeit hingezogen, bis schließlich die uniformierten Beamten die Situation entschärften und den Syrer mitnahmen.



„Ich habe schon die ganze Zeit auf den ganz großen Knall gewartet“, sagt die Quierschiederin, die beobachtet haben will, dass sich der Mieter mit dem Messer in letzter Zeit sehr verändert hat. Sie selbst habe nach dem jüngsten Vorfall einen Nervenzusammenbruch erlitten. Was sie am meisten beunruhige sei, dass ihre Familie nicht geschützt werde. Im Flur zeigt sie uns eine Holzkonstruktion, die ihr Mann zusammengebastelt hat, um die Wohnungstür zu stabilisieren. Damit sie nicht eingeschlagen werden kann. Ständig zugesperrt sei sie ohnehin. „Jeder sagt: Mir sind die Hände gebunden. Man kann aber doch nicht warten, bis wirklich was Schlimmes passiert.“ Mit diesen Worten bringt die vierfache Mutter ihre ganze Hilflosigkeit auf den Punkt. Sie hofft inständig, wieder in Frieden leben zu können.

Bei der Polizei-Inspektion Sulzbach haben wir unter anderem nachgefragt, ob der Mann, der sich in die Psychiatrie hat einweisen lassen, dauerhaft aus dem Verkehr gezogen wird, weil er möglicherweise schwer krank ist. Wir wollten auch wissen, ob aus polizeilicher Sicht Wiederholunsgefahr besteht. Und wir wollten wissen, wie man die Familie mit vier Kindern zu schützen gedenkt, falls der 29-Jährige wieder nach Hause zurückkehrt. Aus datenschutzrechtlichen Gründen, so Inspektionsleiter Hans Peter Komp, werde man öffentlich keine Auskünfte erteilen, hieß es am Freitagmorgen.

Quierschieds Bürgermeister Lutz Maurer hatte sich am Donnerstag über den Ermittlungsstand bei der Polizei informiert. Im Rathaus hätten zuvor keine Informationen über gravierende Probleme mit und in der Familie vorgelegen.

„Wir haben in der Gemeinde einen Integrationsbeauftragten, der sich um die Belange der neuen Mitbürgerinnen und Mitbürger kümmert, der bei Behördengängen unterstützt, aber auch Feste und Treffen mit der Bevölkerung organisiert“, sagt Maurer und betont, dass der Integrationsbeauftragte auch immer wieder Hausbesuche macht: „Zu seinen Aufgaben gehört aber keinesfalls die Prävention. Ich sage es ganz deutlich: Es gibt keinerlei Erkenntnisse, dass in Quierschied eine Bedrohung vorliegt. Angst um sein Leben braucht hier niemand mehr zu haben als andernorts.“ Man müsse die weiteren Ermittlungen der Polizei abwarten, so Maurer. Der Bürgermseiter wolle aber auch selbst das Gespräch mit den Betroffen in der Marienstraße führen.