Als Frauen sich um die Landwirtschaft kümmerten

Quierschied · Das Thema Gleichberechtigung scheint heutzutage nicht mehr die Massen anzuziehen. Zu der Lesung von Karl Josef Boussard am Dienstagabend in der Gemeindebücherei jedenfalls waren nur wenige Besucher erschienen.

 Josef Boussard in der Gemeindebücherei. Foto: Thomas Seeber

Josef Boussard in der Gemeindebücherei. Foto: Thomas Seeber

Foto: Thomas Seeber

"Frauen im Saarland - von der Industrialisierung bis heute", ist eine Nachbetrachtung saarländischer (Frauen) Industriegeschichte und kritischer Bestandsaufnahme, was sich in Sachen Emanzipation seither getan hat. Der ehemalige Saarberg-Ausbildungsleiter blickt in seiner Kombination aus Vortrag und Lesung auf die Gesellschaftsordnung der letzten 200 Jahre zurück. Man komme auch hier am Thema Bergbau nicht vorbei, so der Mann aus Nohfelden. Es sei in Vergessenheit geraten, dass sich die Frau zu Hause um die Landwirtschaft kümmerte, während der Mann unter Tage war. Dafür bekam sie jedoch keine Entlohnung. Der Mann schon.

Es habe acht Jahre gedauert, bis die 1949 im Grundgesetz verbriefte Gleichberechtigung überhaupt umgesetzt wurde. Und erst seit 1977 brauchen Frauen keine Erlaubnis des Gatten mehr, wenn sie arbeiten wollen. "Nur wer die Vergangenheit kennt, kann auch in die Zukunft schauen", verdeutlichte der Autor. Die Gegenwart spielt eine nicht unerhebliche Rolle bei Boussards Thema. "Es geht darum, über eine neue Gesellschaftsform nachzudenken. Und darauf ist die Wirtschaft noch überhaupt gar nicht eingestellt", gab er zu bedenken. Er meint die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Rahmenbedingungen der Arbeitgeber, von wenigen Ausnahmen abgesehen, würden der Realität noch weit hinterher hinken, so Boussard. Und das trotz diverser Errungenschaften wie Elternzeit, Teilzeitarbeit und längerer Kita-Öffnungszeiten. Auch die Gesellschaft selbst tue sich nicht gerade leicht mit dem Thema. Verwunderung und teils auch Misstrauen seien ihm bei seiner Recherche entgegen geschlagen. Beim Anruf in einem Frauenbüro habe oft sekundenlang Stille am Telefon geherrscht, als er sein Anliegen vortrug, verriet er im SZ-Gespräch. Es sei eben keine Normalität, dass ein Mann sich solchen Dingen widme. Dennoch habe er schnell bemerkt, wie spannend und vielfältig das Thema sei, verriet Boussard den Zuhörern. Frau und Mann sollten sich mit mehr Sachlichkeit begegnen und so Vorurteile abbauen, das ist ein Wunsch. Und vor allem: Lockerer werden. Soweit sei es noch nicht. Beispielsweise sei es noch immer ungewöhnlich, wenn Frauen Sportzeitschriften lesen oder sich in Männerberufen verwirklichen. "Die Gesellschaft hat sich weiter entwickelt", stellte Boussard fest. Mittlerweile sei ein anderes Selbstbewusstsein vorhanden. Und dennoch werde der Wert der Familienarbeit nicht berücksichtigt.

Bei soviel Gegensätzlichkeit war es nicht verwunderlich, dass am Ende engagiert diskutiert wurde - in zwei Lagern. Die jungen Leute seien in Sachen Betreuung in einer mehr als komfortablen Situation, meinte eine Seniorin. Sie jedoch schien in der Minderheit. Denn die übrigen Diskutanten wiesen auf die Probleme wie Kita-Streik und Zeitmanagement hin, wenn beide Partner arbeiten müssen.

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