Zurück von der Walz

Drei Jahre, drei Monate, zehn Tage war der Köllerbacher Tobias Himbert auf der Walz, als „Freischaffender Fremder Steinmetzgeselle“. Jetzt kehrte er ins Köllertal zurück, als gereifter junger Mann, in steingrauer Kluft, das Gepäck im Charlottenburger tragend, die Ehrbarkeit, also den Schlips, um den Hals geknüpft, Herz und Kopf voll mit neuen Erfahrungen.

"Ich geh' auf die Walz!" Als Tobias Himbert, Jahrgang 1982 und dem Schreiber seit Kindestagen bekannt, dies vor knapp vier Jahren mitteilte, dachten viele: "Mal abwarten!" Himbert hat seinen Plan verwirklicht. Er zog, eigentlich muss es tippelte heißen, sogar länger als gefordert, durch alle 16 deutschen Bundesländer, durch Österreich, die Schweiz, Italien, ja sogar durch Neuseeland und die Kanaren, um dort zu arbeiten, sich auch außerhalb der Heimat, in Abänderung eines Lutherwortes, "redlich zu nähren".

Bis nach Neuseeland

Der Brauch der Walz entwickelte sich ab dem zwölften Jahrhundert. Schuldenfrei sollten "Fahrende Gesellen" sein, nicht verheiratet, nicht vorbestraft und möglichst das 30. Lebensjahr nicht überschritten haben, bevor sie, in den ersten Tagen noch von einem "Losbringungs-Kameraden" begleitet, für mindestens drei Jahre und einen Tag ihrem Heimatort nicht näher als 50 Kilometer kommen durften. "Anfangs habe ich mich sehr schwer mit der Umstellung auf dieses Leben getan", resümiert Himbert. Dann kamen jedoch interessante berufliche Herausforderungen auf den gelernten Steinbildhauer zu, belegt in seinem Wanderbuch. Sandsteine renovieren in den Dombauhütten des Ulmer Münsters oder des Wiener Stephandomes, Gewände schlagen an historischen Hauseingängen im Osten von Deutschland, in der Schweiz Kalksteine künstlerisch bearbeiten, in Berlin zu einem Team zu gehören, das ein Jugendstil-Schwimmbad restauriert - das hatte was.

Und neue Menschen kennenzulernen: "Überwiegend habe ich positive Erfahren gesammelt." Wo wohnt man auf der Walz? "Beim Arbeitgeber , in Kirchen und Klöstern, in Scheunen, manchmal sogar auf der Straße und nicht selten in EC-Hotels." Was ist ein EC-Hotel? "Der Vorraum einer Sparkasse oder einer Bank: Dort ist es warm und trocken." Stichwort Wärme: Wie kommen fahrende Gesellen im Winter zurecht? "Einfach ist es nicht, aber die Hilfsbereitschaft der Menschen ist größer als im Sommer. Oft kriegt man einen heißen Tee spendiert. Einmal hat mir jemand sogar einen Hotelaufenthalt bezahlt."

Tränen der Rührung fließen

Am Samstag endete die Walz von Himbert. Mit sechs Gleichgesinnten, traditionell die letzten 50 Kilometer zu Fuß, näherte sich der Trupp mit den markanten Schlaghosen, den schwarzen Hüten und den auffälligen Knopfleisten dem Ortsschild von Köllerbach . Mindestens 120 Menschen warteten hier auf den Heimkehrer, Familie, Freunde, Bekannte, Nachbarn, Vereinskollegen von den "Motorcycle Friends Köllertal", den Pfadfindern, mit Willkommensschildern, mit Bier, mit Fotoapparaten, Webcams . "Ein solches Ereignis habe ich noch nicht erlebt", sagt Nachbarin Monika Kläs. Die Eltern, Birgit und Herbert Himbert, können ihre Vorfreude auf den Sohn kaum bändigen: "Wir sind so stolz, dass unser Tobias das durchgezogen hat, aber jetzt ist Zeit, dass er wieder heimkommt." Fliesenlegermeister Thomas Müller , früherer Arbeitgeber des Heimkehrers, sagt: "Echt toll, dass er die Zeit durchgehalten hat. Tobias hat andere Länder und Regionen, viele Menschen, neue Arbeitstechniken und Werkzeuge kennen gelernt. Das wird ihn menschlich und handwerklich geprägt und weiter gebracht haben."

Blick ins Wanderbuch von Tobias Himbert, hier dokumentiert sein Arbeitseinsatz am Turm des Ulmer Münsters. Foto: et Foto: et

Dann wird's sentimental. Die sechs Begleiter bauen mit ihren Stenzen (Stenz gleich Stock) eine Art Leiter, so dass das Ortsschild von oben passiert werden kann. Auf der anderen Seite des Schildes heben Pfadfinderkollegen und Freunde den Heimkehrer mit seinem "Charlie", dem Charlottenburger (ein bedrucktes Tuch, in das Wandergesellen ihr Hab und Gut einwickeln) auf einen Schild und tragen ihn in den Ort. Es folgen Umarmungen, Begrüßungen, eine schöne Wiedersehensparty, Tränen der Rührung fließen. Und jetzt? "Ist die Walz zu Ende, muss ich mich erst wieder ans Leben daheim gewöhnen, dann suche ich mir hier eine Arbeit als Steinmetz", antwortet der "Rechtschaffen fremde Metz" Tobias Himbert.