Benachbart zum Windpark : Mit drei Windrädern als Nachbarn

Am Püttlinger Mathildenschacht sind die Anwohner – trotz Gegenwehr – sehr nahe Nachbarn des Windparks Bous geworden. Sie sind darüber ganz und gar nicht froh.

Am Ende des Sträßchens, das hügelaufwärts vom Sportplatz durch den Wald führt, öffnet sich links ein weiter Ausblick. Wiese, etwas tiefer die weiße Front der Knappschaftsklinik, unten im Tal drängen sich Häuser und Kirchtürme der Stadt Püttlingen. Rechts, verstreut, ein paar niedrige Häuschen. Ansonsten: ein grünes Plateau, direkt nebenan der Wald.

Ein Idyll? So war’s mal in der Püttlinger Straße Am Mathildenschacht. Bis die Windräder kamen, drei Riesen, mehr als 200 Meter hoch. „Wir sind umzingelt“, sagt Anwohner Norbert Schneider, der von drei Seiten seines Hauses aus nun Rotoren im Blick hat. „Wir sind offenbar Menschen zweiter Klasse“, fügt er bitter hinzu: Die Mathildenschacht-Siedlung mit ihren wenigen Häusern gilt juristisch als „Außenbereich“, zu dem Windräder weniger Abstand halten müssen als zu geschlossenen Wohngebieten – Schneider sind sie bis auf 500 Meter auf die Pelle gerückt, normalerweise gilt in Bous ein Mindestabstand von 650 Metern (im Regionalverband von 800 Metern). Zusammen mit seinen Nachbarn Anita und Armin Altmeyer und unterstützt von der Bürgerinitiative Gegenwind Völklingen-Püttlingen-Elm (VPE) haben Schneider und seine Frau Ramona leidenschaftlich gegen das Bouser Projekt gekämpft. Sie haben Widerspruch eingelegt, sind vor das Verwaltungsgericht gezogen. Vergeblich, der Windpark ist gebaut und seit Ende 2018 in Betrieb.

Die Rotoren laufen unter Vorbehalt. Das zuständige Landesamt für Umwelt und Arbeitsschutz (LUA) hat in den Genehmigungsbescheid geschrieben, dass – mit Blick aufs Weltkulturerbe Völklinger Hütte, dessen Bild ungestört bleiben soll – nur gebaut werden darf, wenn die Unesco zustimmt. Die Unesco braucht Zeit, ihre Stellungnahme steht seit mehr als zwei Jahren aus. Zunächst durfte die Wind-Firma Duno-Air deshalb nicht bauen. Im Juni 2018 aber gab das Umweltministerium grünes Licht für den Baubeginn. Um der „Verhältnismäßigkeit“ willen, hieß es. Denkmal-Fachleute hätten keine Bedenken erhoben, und auch die Interessen der Wind-Firma seien zu wahren. Die Genehmigung ist vorläufig, weiterhin, Duno-Air baute auf eigenes Risiko – sollte die Unesco am Ende Nein sagen, muss die Firma den Windpark wieder abreißen.

Seit September leben die Mathildenschacht-Anwohner nun mit den Rotoren. „Was am meisten nervt, ist der Lärm“, sagt Armin Altmeyer. An diesem sonnigen, windstillen Morgen dominiert Vogelgezwitscher, das dumpfe Rotorgeräusch ist leise. Aber sobald Wind gehe, sagt Altmeyer, dränge sich das Rotieren selbst bei geschlossenen Fenstern und Rollläden in den Schlaf. 45 Dezibel sind nachts im Außenbereich zulässig, in Wohngebieten nur 35. „Drei Dezibel mehr bedeuten jeweils eine Verdopplung des Geräuschpegels. Wieso müssen wir dreimal so viel Krach ertragen wie andere?“, fragt er zornig. Und berichtet von unangenehmen Wirkungen auf die eigene Gesundheit, die er seit dem Herbst beobachtet, nur zu Hause, nicht auf Reisen. Was er verspüre, gleiche dem, was einzelne Mediziner über die Effekte von Infraschall sagen, meint er. Aber er weiß auch: Handfest nachzuweisen ist das nicht.

Vor 25 Jahren, erzählen er und seine Frau Anita, hätten sie ihr Haus am Mathildenschacht wegen der Ruhe und der grünen Umgebung gekauft. Ein Steigerhaus aus den 1920er Jahren, „wir haben viel dran gemacht“. Der Windpark-Bau bedeute, dass sich der Wert des Hauses mindere; damit gehe das Familien-Konzept für die Altersvorsorge nicht mehr auf. „Aber dagegen können wir nichts tun, das wissen wir inzwischen.“ Was Immobilienwerte betrifft, ist die Rechtsprechung bis zum Bundesverfassungsgericht eindeutig, da darf niemand Garantien erwarten.

Armin Altmeyer beschwert sich , dass er zuhause durch den Lärm der Windräder beeinträchtigt ist, fotografiert am Mittwoch (22.05.2019) in Püttlingen. Foto: BeckerBredel. Foto: BeckerBredel

Auch Ralf Beckstein, Verwaltungsdirektor der Püttlinger Knappschaftsklinik, ist über die neue Windrad-Nachbarschaft nicht froh. Die Klinik hatte sich juristisch gegen den Bouser Windpark zur Wehr gesetzt, jedoch: „Unsere Anstrengungen haben nicht gefruchtet“, die Klinik-Klage vor dem Verwaltungsgericht sei „abgeschmettert“ worden. Der Aufsichtsrat der Knappschaft, berichtet Beckstein, habe dann schließlich entschieden, keine weiteren juristischen Schritte zu versuchen. Was die Klinik-Verantwortlichen umgetrieben hat, sei vor allem die Besorgnis um mögliche schädliche Wirkungen von Infraschall. „Aber“, fügt Beckstein hinzu, „die sind nicht nachgewiesen“. Nein, zufrieden sei man mit der Situation nicht. Doch erstmal warte man ab, sagt Beckstein, juristisch sei die Sache ja wohl noch nicht restlos abgeschlossen. Und vielleicht gebe es ja noch Möglichkeiten, die Betriebszeiten der Windräder zu verändern. So, dass es nachts leiser wird.

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