Kostenpflichtiger Inhalt: Püttlingen : Raus aus dem Alltag, rein ins Abenteuer

Matthias Dittgen reist für den Adrenalin-Kick nicht in die Ferne – den erlebt er vor der Haustür. Unsere SZ-Autorin war dabei.

Matthias Dittgen ist schweißgebadet. Er stampft den kurzen und steilen Weg zur Bergehalde Viktoria in Püttlingen hoch. Es ist heiß an diesem Sommerabend. Sogar sehr heiß. Temperaturen um die 30 Grad um 20.30 Uhr. Matthias stört das aber nicht. Er will heute ein Abenteuer erleben, genauer gesagt ein Mikroabenteuer. Er nimmt sich damit regelmäßig kleine Auszeiten vom stressigen Alltag. „Ich sitze als Informatiker jeden Tag acht Stunden vor einem Computer-Bildschirm. Da ist ein Mikroabenteuer der ideale Ausgleich“, sagt der 36-Jährige.

Das Wort Mikroabenteuer wurde erstmals 2014 von dem britischen Abenteurer Alastair Humphreys in seinem Buch „Microadventures“ beschrieben. Es geht darum, kleine Abenteuer in den Alltag einzubauen. Das kann zum Beispiel eine Übernachtung im Stadtwald sein. Die Lust darauf hat auch in Deutschland um sich gegriffen. Der Abenteurer und Motivationsexperte Christo Foerster hat das Mikroabenteuer hierzulande bekannt gemacht. „Zu einem Abenteuer gehört für mich das Heraustreten aus der persönlichen Komfortzone, das Beschreiten neuer Wege, das Akzeptieren des Ungewissen. Ein Mikroabenteuer beinhaltet all das, nur eben im Kleinen“, sagt Foerster. Über „einfach gute Outdoor-Erlebnisse vor der Haustür“ hat er das Buch „Raus und machen“ geschrieben. Das ist auch der Ansatz, den Matthias verfolgt. Er versucht, mindestens ein- bis zweimal pro Monat aus seinem Alltag auszubrechen und etwas abseits vom Mainstream zu erleben. Als Informatiker ist es seine große Leidenschaft, mal rauszukommen und im Einklang mit der Natur zu sein. Das Ganze hält er in Videos fest und postet diese dann auf seinem Youtube-Kanal „Outdoor Buddy“.

Auch den Weg auf die Bergehalde hält Matthias mit der Kamera fest. Oben angekommen, beginnt er sein Lager für die Nacht aufzubauen. Er muss sich beeilen, denn die Sonne geht schon unter. Der Boden auf der Halde ist steinig, doch es gibt einen einzigen kleinen Rasenstreifen, den Matthias zu seinem Schlafplatz auserwählt. Er stellt ein Tarp auf – eine Plane, die vor Regen und Wind schützen soll –, bläst seine neongrüne Isomatte auf und kramt seinen Daunenschlafsack aus seinem Rucksack hervor. Er ist routiniert im Lageraufbau. Das merkt man dem Püttlinger an. Er hat alles an Equipment, was man braucht, um ein Mikroabenteuer zu erleben. Neben den Schlafutensilien zaubert Matthias auch noch einen Camping-Stuhl, einen Spiritusbrenner, Taschenlampen und Verpflegung aus seinem Rucksack. Ganz wichtig sind auch zwei Dosen Bier. So kann er den Abend gemütlich ausklingen lassen.

Matthias Dittgen auf der Bergehalde Viktoria in Püttlingen. Er betreibt als "Outdoor Buddy" einen Youtube-Kanal. www.outdoor-buddy. Foto: Robby Lorenz

Das Übernachten im Wald oder, wie bei Matthias, auf einer Halde, ist erlaubt. Das bestätigt das saarländische Umweltministerium. Lediglich Zelte und Wohnwagen seien nicht gestattet. In Naturschutzgebieten sollte aber generell und mit Blick auf die zu schützenden Arten nicht campiert werden. Matthias hatte noch nie Probleme, einen legalen Schlafplatz zu finden. „Ich verlasse jeden Platz so, wie ich ihn vorfinde, und nehme meist noch den Müll mit, den andere dort liegen lassen“, sagt Matthias. Das sei schließlich selbstverständlich. Und auch auf der Püttlinger Bergehalde findet er Müll.

Einen Ort wieder so zu verlassen, wie man ihn vorgefunden hat, ist auch eine der Regeln von Mikroabenteurer Foerster. Er hat seine ganz eigenen Regeln: Man soll nur öffentliche Verkehrsmittel nutzen, ein Abenteuer sollte nicht mehr als 72 Stunden dauern und man müsse draußen ohne Zelt übernachten. Die Regeln seien aber individuell anpassbar, sagt Foerster. Um ein Mikroabenteuer zu erleben, solle man seine gewohnten Verhaltensmuster hinterfragen, erklärt der Experte. „Wir sollten auf unser Herz hören und uns immer wieder die Frage stellen: Warum nicht? Warum eigentlich nicht? Oft verpuffen unsere Bedenken und Ausreden dann von selbst.“ Und das macht auch Matthias. Er beachtet zwar die meisten der Regeln des deutschen Vorreiters, doch auf ein Auto verzichtet er nicht. „Ich wohne in Püttlingen relativ ländlich, und man hat hier einfach keine riesige Auswahl etwas zu erleben. Deswegen fahre ich auch oft mit dem Auto in den Pfälzerwald und treffe mich dort mit Freunden.“

Und obwohl Matthias immer wieder Mikroabenteuer macht, will er auf die ganz großen Abenteuer nicht verzichten. Im September fliegt er für dreieinhalb Wochen in die USA und freut sich dort darauf, die Nationalparks zu erkunden. „Andere Mikro­abenteurer sind da etwas strenger als ich und verzichten komplett auf Auto und Flugzeug. Das will ich mir aber nicht nehmen lassen, denn die Abenteuerlust, neue Länder zu erkunden, ist meine Leidenschaft“, erklärt Matthias.

Matthias Dittgen auf der Bergehalde Viktoria in Püttlingen. Er betreibt als "Outdoor Buddy" einen Youtube-Kanal. www.outdoor-buddy. Foto: Robby Lorenz

Für ihn ist der Abend auf der Halde in Püttlingen allerdings nach Einbruch der Dunkelheit noch nicht vorbei, denn er muss noch „kochen“. „Essen muss ich ja schließlich auch irgendwann und diese gefriergetrockneten Gerichte schmecken wirklich lecker“, sagt er, während er auf einem Spiritusbrenner einen Becher mit Wasser erhitzt. Es gibt Nudeln mit Hühnchen in Curry-Soße. Das heiße Wasser kippt er einfach in die Verpackung mit gefriergetrockneten Zutaten und lässt es für zehn Minuten ziehen, bevor er das Gericht aus der Tüte essen kann.

Mittlerweile ist es stockdunkel. Ohne Taschenlampe und Kerze wäre Matthias verloren. Er zieht sich zurück unter sein Tarp und macht es sich mit Isomatte und Schlafsack gemütlich. Letzteren braucht er eigentlich kaum, weil es in dieser Nacht nicht unter 26 Grad ist. Auf der Halde fegt aber immerhin ein kleines Lüftchen, was die Temperaturen etwas erträglicher macht. „Es ist eigentlich egal, wie schlecht man nachts schläft. Der Sonnenaufgang entlohnt für alles.“

Foto: Robby Lorenz

Angst hat Matthias, wenn er alleine unterwegs ist, nicht. Dafür kennt er die Geräusche des Waldes zu gut. „Am Anfang kann man nicht genau einschätzen, welches Tier welche Geräusche macht, aber man lernt dazu“, sagt Matthias. So könne er zum Beispiel erkennen, wie eine Maus durch das Laub huscht und wie sich Rehe und Wildschweine anhören. Um fast zwei Uhr morgens hört der Abenteurer dann allerdings Geräusche, die er direkt einordnen kann. Eine junge Frau und ein Mann unterhalten sich.

Überrascht, dass um diese Uhrzeit noch andere Abenteurer auf die Halde gehen, ist Matthias schon. Er steht auf und unterhält sich kurz mit dem Paar. Er hat kurz Angst um sein Equipment, das verstreut auf der Halde liegt. Das Pärchen ist aber nur zum Sternegucken auf der Halde und verschwindet nach ein paar Minuten wieder. Sowas hat Matthias auch noch nicht erlebt.

Matthias Dittgen auf der Bergehalde Viktoria in Püttlingen. Foto: Robby Lorenz

Nach einer kurzen Nacht steht Matthias gegen fünf Uhr morgens auf und wartet auf den Sonnenaufgang. Dafür stellt er die Kamera bereit, die das Naturereignis für seinen Youtube-Kanal filmen soll. Doch bevor es losgeht, kocht er Kaffee. Mit dem Spiritusbrenner erhitzt er wieder Wasser und rührt dieses schließlich in eine extra dafür vorgesehene Kaffee-Packung. Den Kaffee trinkt Matthias stark, schwarz und mit einer Portion Zucker. 

„So, und jetzt wird noch aufgeräumt und dann geht’s kurz nach Hause, duschen und ab auf die Arbeit“, sagt Matthias, während er die Luft aus seiner Isomatte lässt. Der 36-Jährige wirkt zufrieden. Ein Mikroabenteuer mag zwar keinen zweiwöchigen Urlaub ersetzen, aber es hilft Matthias, seine Batterien wieder aufzuladen.

Mehr von Matthias Dittgen finden Sie auf seinem Youtube-Kanal Outdoor Buddy (www.outdoor-buddy.de).

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