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Alphabetisierungs-Aktion
Den Menschen zugewandte Idee

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Da saß der kleine Junge und blickte seinen Vater missmutig an. Was diese alten Leute immer für seltsame Ideen hatten: Er, der Junge, solle doch seine Nase nicht immer nur in Comics stecken, sondern auch mal richtige Bücher lesen. Von Marco Reuther

Kurz darauf erzählte ein Freund von einem Buch, das ihm gefallen hatte – „Otto und das Besondere“ hieß es. Und was der Schulfreund erzählte, hörte sich spannend an.


Der Junge lieh sich das Buch. Es war der Beginn einer nun schon fast 50 Jahre dauernden Entdeckungstour durch immer neue Welten: Das Kind las atemlos die Abenteuer der „Fünf Freunde“ mit Taschenlampe unter der Bettdecke, ritt, etwas später, mit Kara Ben Nemsi durch die Wüste, lachte sich als junger Mann schlapp, während er per Anhalter durch die Galaxis reiste, lernte Goethe kennen und den phantastischen Zauber von Hogwarts, und er würde es niemals zugeben, dass er im Hotel New Hampshire mit den Tränen zu kämpfen hatte.

Zum Weinen ist allerdings auch etwas in unserer realen Welt: Dass es selbst in unserem vermeintlich doch so fortschrittlichen Land Tausende Menschen gibt, denen all diese wunderbaren Welten, all diese unglaublichen Erweiterungen des eigenen Horizonts, die ein Film im Fernsehen niemals bieten kann, nicht kennenlernen werden, und deren Geist immer ein Stückchen ärmer sein wird – weil sie auch als erwachsene Menschen nicht lesen können. Darum ist es eine schöne, den Menschen zugewandte Idee, dass das Püttlinger Mehrgenerationenhaus jetzt ein Lese-Lern-Programm für Erwachsene hat. Das Problem ist nur: Wie erfahren Betroffene davon? Sicher nicht, indem sie in der Freitag-Ausgabe unseren Bericht dazu gelesen haben. Daher hier ausnahmsweise mal eine Aufforderung und Bitte: Erzählen Sie doch, wenn Sie mit anderen Menschen ins Gespräch kommen, ab und an ganz unverfänglich von Ihren eigenen Lese-Freuden, und dass es da nun dieses Angebot in Püttlingen gibt. Vielleicht verschenken Sie ja dadurch neue Welten.