| 15:23 Uhr

Lesebuch des Lebens
Leben und Altern: 100 Püttlinger von 1 bis 100

100 Püttlinger im Alter von 1 bis 100 saßen für Olaf Reecks Porträt-Klasse Modell – wie 2014 die 100-jährige Wilhelmine Burgard. Die Porträtierten wurden auch im Foto festgehalten. Daraus ist ein Buch mit Texten von Georg Fox entstanden, das im März von der Seniorenvereinigung Püttlingen herausgegeben wird.
100 Püttlinger im Alter von 1 bis 100 saßen für Olaf Reecks Porträt-Klasse Modell – wie 2014 die 100-jährige Wilhelmine Burgard. Die Porträtierten wurden auch im Foto festgehalten. Daraus ist ein Buch mit Texten von Georg Fox entstanden, das im März von der Seniorenvereinigung Püttlingen herausgegeben wird. FOTO: Olaf Reeck
Püttlingen. Im „Lesebuch des Lebens“ ist mit Fotos auch ein ungewöhnliches Zeichen-Projekt verewigt – mit Texten von Georg Fox.

Die Seniorenvereinigung Püttlingen wird am 23. März das von ihr herausgegebene „Lesebuch des Lebens“ vorstellen – darin zu sehen sind insbesondere die 100 Porträtfotos, auf denen Diplomdesigner Olaf Reeck 100 Köllertaler im Alter von 1 bis 100 verewigt hat. Die Fotos entstanden während des Langzeit-Projektes, in dem Reecks Zeichenklasse die 100 Köllertaler porträtiert hatte (wir berichteten). Den Begleittext hat der bekannte Köllerbacher Autor Georg Fox geschrieben. Für die SZ sprach Erich Keller mit Olaf Reeck, Georg Fox und dem Seniorenvereinigung-Vorsitzenden und Altbürgermeister Rudolf Müller über das Projekt.



Herr Reeck, die Fotos im „Lesebuch des Lebens“ stehen auch im Zusammenhang mit Ihren Kursen „Porträtmalerei“ in der Püttlinger VHS?

Olaf Reeck: Ja, genau, bei dem jetzt abgeschlossenen Projekt in meiner VHS-Zeichenwerkstatt „Porträts von eins bis einhundert Jahre“ bekamen die Modelle als Dankeschön für ihre Sitzung ein DIN-A4-großes Porträtfoto. Es sind genau diese Fotos, die jetzt in Buchform zu „lesen“ sind.

Und wie haben Sie die Porträtierten gefunden?

Reeck: Die „Opfer“ habe ich durch Mundpropaganda, Hilfe von Freunden und Bekannten und mit Unterstützung von Zeitungsartikeln in der SZ gefunden. In einem Fall hat das Los unter sieben Bereitwilligen entschieden. Man hätte vielleicht vermuten können, dass es schwierig wird, unter den Betagten Modelle zu finden. Es war jedoch umgekehrt – den 36-Jährigen zu finden, hat sich bis zum Ende des Projektes hingezogen.

Und warum ist die Seniorenvereinigung Püttlingen der geeignete Herausgeber?

Reeck: Dort sprudelt es nur so an Aktivitäten. Und in dieser Altersgruppe ist es das natürliche Interesse, sich mit Kindern, Enkeln und Urenkeln zu befassen. Die Fotos passen perfekt dazu. Und in den wöchentlichen Zusammenkünften ist das Altern mit allen seinen Zusammenhängen ein durchgängiges Thema.

Rudolf Müller: Erst in Buchform werden die 100 Fotoporträts zu einem für die breite Öffentlichkeit zugänglichen Spiegel unserer heutigen Bevölkerung. Zugleich hält uns die Gesamtschau der Porträts Fragen zur Demografie und Migration vor Augen, auf die unsere Gesellschaft Antworten sucht. Deshalb hat sich die Seniorenvereinigung vor einem Jahr entschieden, das herausragende Werk ihres aktiven Mitgliedes Olaf Reeck in Buchform herauszugeben.

War es schwierig, das Buchprojekt zu organisieren? – Der Verein kann sich ja nur auf ehrenamtliche Mitarbeiter stützen.

Müller: Wir haben viele aktive Mitglieder mit großer Lebens- und Berufserfahrung sowie der Bereitschaft, sich für die Gemeinschaft einzusetzen. Nur so ist es möglich, dass wir Woche für Woche ein Treffen der Mitglieder organisieren und ein anspruchsvolles Programm anbieten können. Wir finden auch immer wieder Persönlichkeiten und Organisationen, die uns unterstützen – so wie bei der Herausgabe des „Lesebuch des Lebens“.

Herr Fox, wie war Ihre spontane Reaktion auf die Bitte der Seniorenvereinigung, das Buch als Autor zu begleiten?

Georg Fox: Zuerst war ich im Zweifel, ob ich wirklich der „Richtige“ dafür bin. Eigentlich schreibe ich eher belletristische Texte. Hier aber war auch eine gute Portion Sachtext erforderlich. Zugleich wollte ich neben den Emotionen, die Reecks künstlerisches Werk auslösen, einen professionellen Abstand zum Werk wahren. Das ist nicht so einfach, weil man von vielen Bildern stark gepackt wird. Ich habe aber großen Respekt vor der Seniorenvereinigung, die eine solche Veröffentlichung begleitet, und von daher fühlte ich mich in der Verantwortung, dieses Projekt zu unterstützen.

Und welche Assoziationen verbinden Sie mit den 100 Porträts?

Fox: Es ist eine Zeitreise durch das Menschsein. Wer sich intensiv mit den Porträts auseinandersetzt, ist gerührt und manchmal sogar betroffen. Diese Bilder stellen existentielle Fragen an dich selbst, an deine eigene Befindlichkeit. Dem kann man sich nicht entziehen.

Herr Fox, Sie hatten das Projekt ein „gewagtes Konzept“ genannt … ?

Fox: … weil es eine hohe Selbstdisziplin fordert. Ich kann fünf oder zehn Personen zur Porträtsitzung bitten, aber schon bei zwanzig wird es schwierig, zumal wenn man immer das Auswahlkriterium des Alters im Hinterkopf hat. Zudem leben wir in einer sehr kurzatmigen Zeit, wo der schnelle Anfang und das schnelle Ende gefordert werden. Man muss schon einen langen Atem haben, um dies über mehrere Jahre durchzuhalten.

Herr Müller, sehen sie die Herausgabe des Buches auch als Wagnis an?

Müller: Anfangs gab es Zweifel, ob das Buch wohl nur für die porträtierten Personen von Interesse sein könnte, doch die Zweifel waren bald verflogen.

Olaf Reeck
Olaf Reeck FOTO: Andreas Engel
Rudolf Müller
Rudolf Müller FOTO: B&K- Fotograf Bonenberger
Georg Fox
Georg Fox FOTO: Oliver Dietze