Interview Frank Bayard - Püttlinger ist Hochmeister des Deutschordens

Lebendige Geschichte : Vom Banker zum Ordens-Hochmeister

Seit den Kreuzzügen gibt es den Deutschen Orden. Noch heute hat er Verbindungen zu seinen Anfängen.

Ungewöhnlich, das darf man wohl sagen, ist der Lebensweg des Püttlingers Frank Bayard: Nach kurzer Zeit als Bankkaufmann in jungen Jahren trat er dem Deutschen Orden bei und ist seit einem halben Jahr dessen Hochmeister des über 800 Jahre alten Ordens mit Sitz in Wien. Wir nutzten einen Heimataufenthalt des Hochmeisters zu einem Gespräch.

   

Herr Bayard, Sie sind seit einem knappen halben Jahr der neue Hochmeister des Deutschordens, was bei Ihnen, wenn ich das sagen darf, im doppelten Sinn passt – darf ich fragen, wie groß Sie sind?

BAYARD (lachend): Zwei Meter und eins.

In unserer schnelllebigen Zeit scheint schon die zeitliche Dimension Ihres Ordens fast unglaublich. – In der ununterbrochenen Reihe von Hochmeistern sind Sie … ?

BAYARD: Der 66. Hochmeister. Als erster Hochmeister des Ritterordens gilt Heinrich Walpot von Bassenheim, der das Amt ab 1198 innehatte. Vorher gab es schon, seit 1190, die Oberen der Hospitalbruderschaft.

Zum Deutschorden gehören nicht nur Geistliche?

BAYARD: Er ist schon – seit 1929 – ein rein klerikaler katholischer Orden, der aber gewissermaßen dreigeteilt ist: in Ordensbrüder, Ordensschwestern und das Familiare Institut. Während  die Ordensbrüder und -schwestern ein Gelübde ablegen, können die Familiaren zum Beispiel ganz normale katholische Familienväter sein, die sich aber den Ideen des Ordens verpflichten und dazu, nach den Vorgaben der Kirche zu leben – oder es doch zumindest zu versuchen.

Welche Art Menschen sind das, die Familiare werden möchten?

BAYARD: Meist Menschen, die bereits einen Bezug zur katholischen Kirche haben und die eine spirituelle Heimat suchen, die vielleicht auch gerne zu unseren Gottesdiensten, Einkehrtagen und  – nicht nur religiösen – Vorträgen kommen. Und, ja, es übt sicher auch eine Faszination aus, einer Gemeinschaft anzugehören, die es schon über 800 Jahre gibt – das ist ein sehr festes Fundament, auf dem man steht.  Mein Amtsvorgänger Bruno Platter betonte zudem gerne – das ist für einen gläubigen Katholiken sicher nicht zu unterschätzen –, dass noch lange nach deren Tod für die verstorbenen Ordensmitglieder gebetet wird.

Viele Ordensgemeinschaften haben heute Nachwuchsprobleme … ?

BAYARD: Das trifft uns teilweise leider auch. Heute gibt es im gesamten Orden noch etwa 110 Schwestern mit recht hohem Altersdurchschnitt, vor 30 Jahren waren es 400 Schwestern. Bei den Brüdern, derzeit 40 allein in Deutschland, gibt es noch jedes Jahr neue Novizen, der Altersdurchschnitt ist mit 52 recht gut. Die Zahl der Familiaren steigt dagegen in Deutschland stetig – derzeit sind es über 800.

Gibt es denn noch Gemeinsamkeiten des heutigen Deutschordens mit dem Orden der Gründertage?

BAYARD: Durchaus. Der Orden entstand ja aus der Gründung eines Kreuzfahrer- und Pilger-Hospitals heraus. Und heute ist es eine unserer Hauptaufgaben, dass wir Träger von Pflegeheimen und Betreutem Wohnen sind und etliche Angebote in den Bereichen Altenhilfe, Behindertenhilfe, Kinder- und Jugendhilfe und nicht zuletzt in der Suchthilfe vorhalten. Gerade die deutsche Brüderprovinz des Ordens ist hier stark engagiert. Aber auch in anderen Provinzen gehören karitative Tätigkeiten ganz selbstverständlich dazu. Das „Helfen und Heilen“ zieht sich durch die ganze Geschichte unseres Ordens. – Auch wenn  der Orden insbesondere in der Hoch-Zeit des Deutschen Ordensstaates durchaus auch eine politische und militärische Macht darstellte.

Was gehört noch zu den Aufgaben des Ordens?

BAYARD: Viele Ordensbrüder sind in der Pfarrseelsorge tätig. –  Teilweise in sogenannten inkorporierten Pfarreien, die dem Orden als Eigentum übertragen wurden, teils schon vor 800 Jahren. Sie gehören also nicht der jeweiligen Diözese, sondern dem Orden. Für diese Pfarreien hat der Orden eine besondere Verpflichtung und gewisse tradierte Rechte, auch wenn natürlich hinsichtlich der Seelsorge der Ortsbischof auch in diesen Pfarreien maßgeblich ist. Ich selbst war Pfarrer in einer solchen Gemeinde, Gumpoldskirchen, südlich von Wien. Gumpoldskirchen ist seit 1241 eine inkorporierte Pfarrei.

Und wie wird man Hochmeister?

BAYARD: Durch Wahl: Alle sechs Jahre wählen die Brüder und Schwestern, die im Generalkapitel – unserem höchsten Gremium – vertreten sind, den Hochmeister. Mein Vorgänger verzichtete nach drei Amtsperioden auf eine mögliche Wiederwahl. Vor meiner Wahl lebte und arbeitete ich schon seit 2005 im Generalat in Wien, seit dem Jahre 2008 war ich Generalökonom des Ordens und bereits seit 2006 Mitglied des Generalrates.

Nach der Grundschule in Köllerbach, der Realschule in Heusweiler und dem Wirtschaftswissenschaftlichen Gymnasium in Saarbrücken hatten Sie, nach einer Banklehre, als Bankkaufmann für die Deutsche Bank gearbeitet. Warum wurden Sie dann vom Banker zum Geistlichen?

BAYARD: Ich hatte das Gefühl, dass es doch noch etwas anderes im Leben geben müsse. Ich habe mein  einjähriges Noviziat – wenn man so will ein Probejahr und ein Jahr der Heranführung an Geschichte und Spiritualtät des Ordens – in Frankfurt begonnen, dann im internationalen Priesterseminar Collegium Canisianum Innsbruck Theologie studiert. Eine sehr interessante Zeit: Unter den 60 Seminaristen waren wir nur fünf Deutschsprachige – da bekommt man einen ganz anderen Blick auf die Weltkirche.

Haben Sie auf ihrem Weg auch mal gezweifelt?

Das Deutschordenshaus in Wien, seit 1809 Hauptsitz des Ordens. Foto: OT

BAYARD (lacht): Ja, Zweifel gibt’s hie und da natürlich auch, das kennt jeder. Ich vergleiche das gerne mit der Ehe: Auch da gibt es mal Tage, an denen man an der Beziehung zweifelt, das ist normal. Aber man hat ein Versprechen gegeben und sich daran zu erinnern hilft, in der Ehe wie im Orden.