Im Bademantel vor der Bühne

Köllerbach. Autotür auf, Fuß raus, Schlamm. Das war der Anfang eines am Freitag sehr verregneten und schlammigen Rocco-Wochenendes. Und genau so ging es auch weiter. Jede Menge Schlamm und gut gelaunte Menschen weit und breit. Dazu die vielen Camper

Köllerbach. Autotür auf, Fuß raus, Schlamm. Das war der Anfang eines am Freitag sehr verregneten und schlammigen Rocco-Wochenendes. Und genau so ging es auch weiter. Jede Menge Schlamm und gut gelaunte Menschen weit und breit. Dazu die vielen Camper. Waren sie zu bemitleiden? Obwohl, praktisch war's schon, denn viele unterschieden gar nicht mehr zwischen Festivalgelände und Zeltplatz und liefen auch zwischen Bierständen und Bühne in Bademantel oder einfach nur in Boxershorts hin und her. Alle bestehenden Kleiderregeln werden ja für ein solches Festival außer Kraft gesetzt. Dennoch zogen ungewöhnliche Outfits die Blicke auf sich. Während sich viele schon zu früher Stunde zu den Bierständen hingezogen fühlten, rockten No One Knows, Eternal Tango oder Grand Island das Festival oder versuchten es zumindest, da es kleinere Bands bekanntlich schwerer haben, die breite Masse zu beeindrucken. Das Rocco-Publikum war jedoch wieder einmal sehr rockbar und gewillt, auch ihnen eine Chance zu geben, da sie ihnen die Zeit des Wartens auf die großen Headliner verkürzten. Bei Dúné und Gogol Bordello kam langsam Stimmung auf, und der Platz vor der großen Bühne füllte sich. Und als Madsen mit ihrem Auftritt begannen, hatte das Ganze schon ein wenig was von "einem Sturm". Dann Konfetti-Regen von oben. Der Funke zwischen Band und Publikum sprang endgültig über. Zum krönenden Abschluss stellten Madsen mit "Nachtbaden" ihrem Publikum die Frage, ob sie denn nicht Lust hätten, mit ihnen den Abend zu verbringen. Ja, Lust hätten sie auf alle Fälle gehabt, doch leider war's das: Madsen räumten sang- und klanglos die Bühne für Turbonegro. Es folgte eine äußerst lasche Bühnenshow. Aufatmen bei Mando Diao, die derzeit als eine der besten Livebands Europas gelten. Da jubelte sogar Kultusministerin Annegret Kramp-Karrenbauer neben uns, die seit Anfang an den Rocco begleitet und die Atmosphäre "einfach toll", den Regen aber - wie wir alle - trotz ihrer Gummistiefel weniger gut fand. Tag zwei: Sonnenschein und noch mehr gute Laune, aber immer noch brauner Matsch. Und wir in Gummistiefeln statt "Converse", die nach dem ersten Tag nicht mehr als solche zu erkennen waren. Von vielen Besuchern, mit denen wir uns den Weg vom Parkplatz bis zur Bühne teilten, erfuhren wir, dass diese voller Euphorie und Freude über diesen Tag waren. Während Johnboy, Mikroboy und Jennifer Rostock spielten, trafen wir uns mit Freunden. Dabei war der Schlamm unser Thema Nr. 1. Als nun K.I.Z. die Bühne betraten, gab's auf dem Sauwasen kein Halten mehr. Als die vier Jungs auch nach ihrem Auftritt durch die Menge liefen und Autogramme gaben, war das für die Fans der Berliner Gruppe einfach das Beste. Ihnen folgten dann The (international) Noise Conspiracy und denen die Donots. Mit "Stop the clocks" gingen die Arme in die Höhe, und der ganze Sauwasen tobte. Kettcar und Deichkind bewegten dann sogar die letzten zum Mitsingen. Die Stimmung war gigantisch, viele tanzten, und fremde Menschen lagen sich in den Armen. Auch wenn den Meisten der Schlamm sogar in den Gummistiefeln stand, war der Rocco 2008 einfach super. Meinung

Von SZ-RedakteurinHelena Jungfleisch-Ehlert Auf dem Sauwasen in Herchenbach. Urplötzlich sind sie da, die Bilder von Woodstock, dem legendären regenreichen Open-Air-Rockfestival vom August 1969. Im Fernsehen konnte man die Schlammschlacht hunderttausender Fans verfolgen, die Joan Baez, Joe Cocker, Jimi Hendrix, Charlos Santana und Co. live erlebten. 49 Jahre später erleben auch wir eine Schlammschlacht - zwar nicht in den Vereinigten Staaten, aber im Köllertal, hautnah, beim Rocco del Schlacko. Wir sind keine Hippies, aber junge und junggebliebene Rockfans, die beim 10. Rockfestival dabei sein wollen. Dabei sein ist alles, da können uns auch die pünktlich zum ersten Festival-Tag einsetzenden Regenmassen nicht erschüttern. Gar nicht? Die Veranstalter scheinen nicht so wirklich mit dieser Nässe von oben gerechnet zu haben. Mal ehrlich, was ist schön daran, wenn man Toilettenanlagen nur durch kleine übel riechende Seen erreichen kann? Alkoholisierte Männer sich an jeder(!) Ecke erleichtern? Der Campingplatz nur über dunkle holprige Äcker zu erreichen ist? Die Aus- und Beleuchtung in diesem Jahr generell zu wünschen übrig ließ. Festivalgänger, vor allem junge Leute, erwarten nicht viel, und glücklicherweise gingen die zwei Tage ohne große Malaisen über die Bühne, doch wenn der Rocco noch weiter überleben will, dann sollte in diesen Punkten nachgebessert werden. Ganz zu schweigen von der Bandauswahl, da hätte sich der Festivalgänger ein wirkliches Highlight gewünscht. Eher flach waren die Darstellungen auf der Bühne. Schade, hoffen wir auf nächstes Jahr, denn der Rocco hat sich innerhalb von zehn Jahren zum Event mit Rang und Namen in der Szene gemausert. Und das soll er bleiben.