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Hundertjährige als Porträt-Modell

Hundertjährige als Porträt-Modell

Ein ambitioniertes Porträt-Projekt verfolgen Olaf Reeck und seine Zeichenklasse: 100 Menschen im Alter von eins bis 100 sollen porträtiert werden. Wir waren dabei, als die 100-jährige Wilhelmine Burgard Modell saß und aus ihrem Leben erzählte.

Die 100-jährige Wilhelmine Burgard sitzt Modell.
Wilhelmine Burgard

Seit letzten Sommer läuft in der alten Engelfanger Schule ein ehrgeiziges Projekt: Das "Antlitz von 1 bis 100". Olaf Reeck und seine Zeichenschüler wollen sage und schreibe 100 Menschen porträtieren - aus jeder Altersstufe einen.

Die Kursteilnehmer zeichnen, der Dozent fotografiert. Zum Einüben haben sich die Zeichner gegenseitig aufs Blatt gebannt. Schon dieses Übungsfeld war altersmäßig recht breit gestreut, der jüngste in der Runde ist ein 13-jähriger Schüler aus Köllerbach , der älteste ein 66-jähriger Pathologe aus Saarbrücken.

Olaf Reeck hat eine Grafik mit 100 Feldern angelegt. Die gilt es zu füllen. Die Alters-Eckpunkte lagen bisher bei Deyu Mang, 9 Jahre, und Maria Gansemer, 91.

Kursteilnehmerin Christine Doerr findet vor allem die Extreme spannend. Die älteren Menschen seien leichter zu zeichnen - ein Strich zu viel lasse Jüngere um Jahre älter wirken. Und Radiergummis sind bei Olaf Reeck verpönt.

"Die Älteren halten auch leichter still", hat Johann-Josef Sauer festgestellt. Eine 89-jährige Frau und ein 90-jähriger Mann seien in der Warteschleife, sagt Reeck. Ebenso wie ein einjähriges Baby: Die kleine Holle aus Blieskastel soll auf Platz eins kommen. Und auf der anderen Seite? Platz 100 ist tatsächlich schon besetzt.

Wir waren dabei, als Wilhelmine "Mielchen" Burgard Modell saß. "Muss ich mich ganz ausziehen?", fragt sie. Nein, nur die Jacke. Dann soll wenigstes die Brille weg, meint sie. Nase putzen und fertig. Sie sitzt konzentriert da. "Ich bin das von Sitzungen, von Versammlungen beim Frauenbund gewohnt", sagt sie später, in der Zeichenpause. Dann erzählt Wilhelmine Burgard aus ihrem Leben; "Anstrengend aber schön" sei es gewesen.

"Ihr Kinder, man hat manches hinter sich", sagt sie zu den Zeichenkursteilnehmern. Sie erzählt vom Vater, der eine Wirtschaft in Elm hatte, von ihrem Mann, der Metzger und Koch war, von den vier Kindern, den Evakuierungen und davon, wie sie mit ihren Freundinnen nach Thüringen fuhr und ihr Mann auf dem Motorrad hinterhergebraust kam. "Das Leben ist halt so. Einmal gut. Einmal schlecht. Wer sagt, er hätte nur gute Tage gehabt, der lügt", meint sie und weiter: "Aber es ist schön, wenn man sich durchwurschteln kann."

Es geht in die nächste Runde. Die Zeichner kehren an ihre Staffeleien zurück, greifen zu Stift, Kreide, Kohle. Sie messen Abstände mit der Hand, schätzen Proportionen mit den Augen ab. Sie zeichnen Konturen, Falten, Empfindungslinien. Jeder auf seine Art. Wilhelmine Burgard sitzt still da.

Zur Halbzeit, also nach 50 Porträts, soll eine Ausstellung im Püttlinger Schlösschen folgen. Wer als Modell an dem Projekt teilnehmen möchte, kann sich an Olaf Reeck wenden, Tel. (0 68 98) 6 43 35.

Die Models werden beleuchtet, in Position gesetzt, dann wird eine Viertelstunde gezeichnet, dann ist Pause.