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Die Menschenwürde wahren

Dr. Jamil Al-Deiri (links) gibt syrischen Flüchtlingen in Püttlingen unkonventionellen Deutschunterricht. Foto: monika jungfleisch
Dr. Jamil Al-Deiri (links) gibt syrischen Flüchtlingen in Püttlingen unkonventionellen Deutschunterricht. Foto: monika jungfleisch FOTO: monika jungfleisch
Püttlingen. Die Stadt Püttlingen arbeitet an einem umfassenden Integrationskonzept. Über die Beweggründe und über dank Köllertaler Integrationsstelle für Zugewanderte (KIZ) und Aussiedlerverein bereits vorhandene Strukturen haben wir berichtet. Doch wie soll das Konzept umgesetzt werden? Es geht um fünf Punkte: Wohnraum-Beschaffung, Deutsch lernen, Integration durch Aus- und Fortbildung, Eingliederung in unsere gesellschaftliche Strukturen mit Hilfe von Vereinen und Koordination ehrenamtlicher Hilfsangebote. Monika Jungfleisch

"Als erstes müssen wir die Flüchtlinge menschenwürdig und dezentral unterbringen", das ist für Bürgermeister Martin Speicher (CDU ) ein wichtiger Punkt. Pro Monat werden der Stadt im Rahmen der landesweiten dezentralen Unterbringung von Flüchtlingen zwischen vier und acht Personen zugeteilt, "für sie wollen wir Wohnungen im Herzen unserer Stadt bereitstellen".

Ein Unterfangen, das den Mitarbeitern der Stadt Püttlingen gelungen sei: "Knapp 50 Frauen, Männer und Kinder aus Syrien leben zur Zeit bei uns", erklärt Kämmerer Hans-Günther Kramp, auch zuständig für die Flüchtlingsintegration in der Stadt Püttlingen . "Nach einem öffentlichen Aufruf wurden uns 22 akzeptable Wohnungen gemeldet. Die Flüchtlinge leben in Köllerbach, in Püttlingen , auf der Ritterstraße, in Bengesen."

Bei der Einrichtung mit Mobiliar und Haushaltsgegenständen hilft die Köllertaler Integrationsstelle für Zugewanderte (KIZ). "Dank dieser Einrichtung verfügt die Stadt Püttlingen über Personal und Sachkenntnisse, auf die sie nun für die Integration von Kriegsflüchtlingen zurückgreifen kann", ergänzt Irina Rust vom Aussiedlerverein Köllertal, der Trägerverein des KIZ ist.

Im zweiten Schritt, so Toni Job, der frühere Püttlinger Sozialamtsleiter und Motor des Integrations-Konzeptes, sei es auch wichtig, sich zwischenmenschlich um die Flüchtlinge zu kümmern: "Wir dürfen die Flüchtlinge jetzt nicht alleine lassen. Wir müssen ihnen sofort nach ihrer Ankunft die deutsche Sprache und kulturelles Wissen über ihr neues Heimatland vermitteln."

Gelder seien hierfür seitens des Landes oder des Bundes nicht vorgesehen. Das Land signalisiere aber Geld dafür. Maßnahmen zur Sprachvermittlung greifen erst nach drei Monaten. "Verlorene Zeit!", meint Kramp. "Denn die syrischen Flüchtlinge sind in der Regel gut ausgebildet und hoch motiviert. Wir haben deshalb einen ABC-Kurs für Flüchtlinge auf die Beine gestellt, der geleitet wird von dem syrischen Mediziner und Buchautor Dr. Jamil Al-Deiri." Finanziert wird er durch Spenden des Lionsclubs Völklingen.

Doch "das Kümmern" beschränkt sich nicht nur auf den Spracherwerb. Auch die Integration der Flüchtlinge in gesellschaftliche Strukturen, wie Kindergärten, Schulen und Vereinen will das Integrationsmodell der Stadt Püttlingen als dritten Schritt vorantreiben.

Der vierte Schritt einer gelungenen Willkommenskultur kreist um die berufliche Eingliederung. Auch hierfür kann die Stadt Püttlingen auf etablierte Strukturen zurückgreifen: Auf die Erwerbslosenselbsthilfe (ESH) und deren Überbetriebliches Ausbildungszentrum (ÜAZ). Asylbewerber dürfen bekanntlich in den ersten drei Monaten ihres Aufenthalts in Deutschland nicht arbeiten. "Wiederum verlorene Zeit", sagt Job, der auch Vorsitzender der ESH ist. "Wir wollen Flüchtlinge in Arbeitsmaßnahmen bei der ESH beziehungsweise im ÜAZ bringen, mit maximal 20 Teilnehmern."

Sprachförderung, gemeinnützige Arbeit und Qualifizierung stünden hierbei im Mittelpunkt. Toni Job: "Mit diesem Ansatz schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klatsche. Zum einen vermitteln wir den Flüchtlingen Prinzipien der deutschen Arbeitskultur wie etwa Pünktlichkeit. Zum anderen fördert die gemeinnützige Arbeit auch die Akzeptanz der Flüchtlinge bei der einheimischen Bevölkerung."

Ergänzend zu den vorhandenen Strukturen, auf die sich die Stadt Püttlingen bei der Integration von Flüchtlingen verlassen kann, setzt Bürgermeister Martin Speicher (CDU ) als fünfte Säule auf die Bevölkerung: "Dankenswerterweise haben sich zahlreiche Bürgerinnen und Bürger sowie Vereine und Verbände mittlerweile bei der Stadt gemeldet, indem sie ihre Hilfe angeboten haben. Diese Anfragen müssen allerdings noch von der Stadt organisiert und koordiniert werden, um ein umfassendes Konzept auch wirksam umsetzen zu können."

Das Integrationskonzept will der Bürgermeister in Kürze dem Stadtrat vorstellen. "Die Fehler der 1990er Jahre bei der Integration von Flüchtlingen und Zuwanderern wollen wir nicht wiederholen. Wir wollen keine Parallelgesellschaften. Mit unserer Willkommenskultur, eingebettet in vorhandene und neu zu schaffende Strukturen, wollen wir eine Integrationspolitik entwickeln, die langfristig den sozialen Frieden sichert."