Die Angst der Menschen vor dem leeren Raum

Die Angst der Menschen vor dem leeren Raum

Im einstigen Ausstellungsraum eines Fahrradhändlers sprechen ein Psychoanalytiker und ein Museumsleiter über das „Haus“. Und der Moderator fragt, ob man Architekten therapieren müsse: So überraschend kann ein Aktionstag sein.

Wer über Stadt nachdenkt, muss über Leerstände und über Abriss nachdenken. Doch damit, sagt Architekturtheoretiker Ulrich Pantle von der Saarbrücker Schule für Architektur , hätten Architekten ein Problem. Muss man sie therapieren?

Der Saarbrücker Psychoanalytiker Alf Gerlach umging die Antwort behutsam. Jeder, meinte er, habe eine individuelle Beziehung zu dem ihn ungebenden Raum. Pantle, Gerlach und Matthias Wagner K, Leiter des Museums für Angewandte Kunst in Frankfurt, sprachen in einem Raum in der Saarbrücker Eisenbahnstraße, der seit ein paar Wochen leer steht, über den Wunsch der Menschen, leere Räume zu füllen.

So entspann sich ein Gespräch, das selten den Bezug zum Ort suchte und dennoch beziehungsreich war. Als der Satz fiel, ein Museum sei ein Möglichkeitsraum, hätte man gerne ergänzt, leere Läden seien das auch. Als Museumsleiter Wagner K sagte, er schätze Dauerausstellungen nicht, weil sie die Menschen hinderten, immer wieder neu zu denken, wünschte man sich, auch leere Läden könnten immer wieder aufs Neue bespielt werden.

Leere Räume mögen für Künstler, Museumsleiter, Psychoanalytiker und Architekten eine Herausforderung sein, für ihre Inhaber geraten sie leicht zur existenziellen Bedrohung.

Stadt, Kunsthochschule und die Schule für Architektur an der Hochschule für Technik und Wirtschaft haben mit ihren Aktionstagen in der Eisenbahnstraße gezeigt, wie wandelbar ein Haus, ein Raum, eine Straße sein kann. Studentinnen und Studenten von Architektur und des Design haben dazu viel beigetragen. An drei Orten (Eisenbahnstraße 36, 40 und 43) sind ihre Arbeiten und Pläne zu sehen, etwa für den Osthafen, für das (frühere) Kultusministerium. Dokumentiert haben sie auch, was ehemalige Geschäftsinhaber aus der Eisenbahnstraße zu sagen haben. Die war, man mag es kaum glauben, mal eine "gute Adresse" - und vielleicht wird sie es ja auch wieder.

Bloß: Nach zwei von drei Abenden stellt sich die Frage: Warum kamen die Studierenden - bis auf eine Ausnahme - nicht zu Wort? Warum hatten sie keine Möglichkeit, ihre Pläne zu erläutern? Schließlich muss man in Saarbrücken doch zwingend darüber nachdenken, wie man junge Menschen in die Stadt holt und hier hält.

Den beachtlichen Wert des Gesprächs zwischen Ulrich Pantle, Alf Gerlach und Matthias Wagner K sollten solche Fragen nicht schmälern. Vielleicht reden Studierende heute Abend ja doch noch mit.

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Zum Thema:

Auf einen BlickDie Aktionstage enden heute, 18.30 Uhr, mit Vortrag und Diskussion in der Eisenbahnstraße 43. Johanna Treberspurg aus Wien spricht über die "vor ort ideenwerkstatt". Danach diskutiert sie mit Prof. Ivica Maksimovic (Kunsthochschule), Thomas Hippchen (Stadtteilmanager Alt-Saarbrücken), Igor Torres (baubar Urbanlaboratorium) und Christoph Diem, künstlerischer Leiter Sparte 4, und Architektur-Professorin Eve Hartnack (Moderation) über "Beteiligungsstrategien". red

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