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Das Köllertal im Ersten Weltkrieg

Köllerbach. Kein einfaches Schwerpunktthema hat sich die Redaktion des Köllertaler Jahrbuchs für ihren neuen, den 3. Band ausgesucht. Doch lag es auf der Hand, sich passend zum Jahr 2014 zu fragen, wie die Menschen im Köllertal den Ersten Weltkrieg vor 100 Jahren erlebt haben. Karl Heinz Janson

Zusammengekommen sind 13 kleine Beiträge auf rund 30 Seiten mit Fotos und Dokumenten.

"Das hohe Gut des Friedens, dessen Segen unser Volk fast 44 Jahre genossen, ist geschunden . . . Mit unseren Gedanken an die Zukunft und starkem selbstbewussten Hoffen ist das Deutsche Volk zum Krieg aufgestanden." So beginnt die Eintragung zum Kriegsbeginn am 1. August 1914 in der Eiweiler Schulchronik. Mit Plakatanschlägen in den Köllertaler Orten wurde die Mobilmachung bekannt gegeben und die Soldaten zu ihren Einheiten einberufen.

Der "Landsturm" - das waren die älteren Wehrpflichtigen - blieb zunächst von der Einberufung verschont. Ob es zu Freudenkundgebungen wie mancherorts in den Städten kam, ist für das Köllertal nicht überliefert. Der Berschweiler Theologiestudent Karl Gross, der sich zu diesem Zeitpunkt zum Studium in der Universitätsstadt Tübingen befand, berichtet, dass die dortigen Studenten auf dem Rathausplatz in Jubel ausbrachen.

"Wenn es der Geschichte gefällt, sind wir morgen in aller Welt", machte es noch abenteuerlustig unter den Studenten die Runde, die ja tatsächlich noch nie die Schrecken des Krieges erlebt hatten. Viele, so auch Karl Gross, meldeten sich sofort als Kriegsfreiwillige.

Waren Militär und Kaiser von einer schnellen Niederschlagung des "Erbfeindes" Frankreich bis Ende 1914 ausgegangen, so war dies ein fataler Trugschluss. Bereits Anfang 1915 wurden die Nahrungsressourcen knapp, und Brot gab es nur noch auf Marken. Auch kleinste Getreidemengen der Köllertaler Bergmannsbauern wurden beschlagnahmt, ebenso das Mehl in den Mühlen. Das Saarbrücker Kreisblatt wies in großen Anzeigen darauf hin, dass es streng verboten sei, Getreide zu verfüttern. Auch die Köllertaler Bäcker durften nur mehr 67 Prozent echtes Mehl je Brot verwenden, als Ersatz wurden zum Beispiel den Püttlinger Bäckern 50 Zentner Kartoffelmehl per Bahn geliefert.

Besonders knapp wurden wegen der englischen Seeblockade Fette und Öl. Von weither brachten die Menschen mühsam gesammelte Säcke mit Bucheckern zur Berschweiler Ölmühle, um daraus Öl mahlen zu lassen. Etwa 25 000 dieser kleinen Früchte brauchte man für einen Liter Öl. Das heute noch fast so wie damals erhaltene Kulturdenkmal war schon zu dieser Zeit betagt, lief aber zur Ölgewinnung auf Hochtouren.

Mit fortschreitender Kriegdauer verschärfte sich die Nahrungskrise immer mehr. In Eiweiler, so berichtet wieder die Schulchronik, wurden die Schüler in den "vaterländischen Dienst" gestellt. Das hieß für die Kinder: keine Schule, aber stattdessen Mithilfe in der Landwirtschaft, sammeln von Ähren, Brennnesseln, Beeren, Kräutern und vielem mehr. Außerdem sammelten die Kinder Geld für "Liebesgaben". Das waren kleine Päckchen an die Front mit Gebäck, Schokolode, Tabak und Ähnlichem für die Soldaten aus dem Ort.

Schon bald waren auch im Köllertal die ersten Kriegstoten zu beklagen. Es sollten im Laufe des Krieges 767 gefallene junge Männer werden, die in sinnlosen Schlachten ihr Leben ließen. Die Zahl der Kriegsverwundeten, denen oft ein ärmliches Schicksal bevorstand, war noch höher als die der Gefallenen. Was jedoch aus den Köllertaler Kriegsversehrten wurde, ist nirgends festgehalten.

Medizinalrat Dr. Lang, der eine Tochter aus der bekannten Heusweiler Wirtschaft Pedes geheiratet hatte, wusste, was auf ihn zukommt. "Wenn ich diesen Krieg heil überlebe, bekommen wir ein Dutzend Kinder", versprach er seiner Frau. Er überlebte und hatte mit seiner Frau elf Nachkommen.

Der hohe Blutzoll an West- und Ostfront machte immer weitere Einberufungen nötig. So wurden nun auch ältere Männer eingezogen zum Dienst bei Bewachung und Transport. Das raubte machen Familien den Ernährer und brachte bei den geringen Geldzahlungen des Militärs die Familien in Not. Um die immensen Kriegskosten zu finanzieren, gab das Reich so genannte Kriegsanleihen heraus. Siegessicher zeichneten auch Köllertaler Familien die Anleihen und verloren alles.

Als Ersatz für die eingezogenen Bergleute kamen im Laufe des Krieges auch russische Kriegsgefangene zum Einsatz. Im Köllertal gab es für sie ein Barackenlager beim Aspenschacht in Engelfangen (heute zu Köllerbach gehörend). Die Russen waren aber auch bei kommunalen Arbeiten eingesetzt. So schachteten diese das geplante Buchschacher Bad aus und schütteten den Aushub im Dörschbachtal für einen Weg auf, den heute noch so genannten Russenweg in Riegelsberg.

Doch natürlich gerieten auch deutsche Soldaten in Gefangenschaft , und so erlebte manch einfacher Soldat das von den Studenten herbeigesehnte "Abenteuer" in bitterer Weise. So geriet Willi Daum aus Heusweiler bereits 1915 in russische Kriegsgefangenschaft. Fünfeinhalb Jahre verbrachte er in Sibirien, ehe er 1920 wieder heimkehrte. Noch länger dauerte es bei dem Kutzhofer Marinesoldaten Andreas Mailänder. Er wurde 1912 nach Tsingtau in China eingezogen, geriet dort 1914 in japanische Gefangenschaft und kehrte nach acht Jahren erst in seine Köllertaler Heimat zurück. Es war eine Heimat, die viele nicht wiedererkannten. Nach der Erschöpfung Deutschlands und dem darauf folgenden Waffenstillstand im November 1918 wussten viele nicht, wie es weitergehen sollte. Der Eiweiler Schulchronist notierte damals, noch immer in der pathetischen Sprache vieler Chronisten seiner Zeit: "Nach vier Jahren voller Heldenmut und Waffengängen voller Seelengröße und flammender Machtentfaltung kam für unser Vaterland eine beispiellose Niederlage. Niemals soweit der Weltgeschichte Tage reicht, ist ein Volk aus tragender Höhe so tief gesunken." Durch das Köllertal zogen sich die deutschen Truppen ins Innere des Reiches zurück. Neben dem Gemeinderat bildeten sich kurzfristig in Püttlingen mit einem Arbeiterrat, einem Bürgerausschuss, einer Bürgerwehr sowie einem Soldatenrat neue Gremien, ehe die einrückenden französischen Truppen dem ein Ende bereiteten.

Erstaunlicherweise nahm die Saarregion noch an den ersten demokratischen Reichtagswahlen vom 19. Januar 1919 teil, bei der erstmals auch Frauen das Wahlrecht erhielten. Der Eiweiler Chronist notierte dazu hoffnungsvoll: " . . . alle Blicke sind auf Weimar gerichtet. Dort sollen in freier Wahl gewählte Vertreter des deutschen Volkes dem Land wieder geben, was es zukünftig erwartet: eine demokratische Regierung, eine neue freiheitliche Verfassung und damit die Möglichkeit zum Aufstieg nach Ordnung und Frieden."

Wir wir wissen, bedurfte es dazu einer ganzen Generation und nochmals eines schrecklichen Krieges, ehe sich der Wunsch des Chronisten in der heutigen Bundesrepublik erfüllte.