Psychiater Dr. Michael Winterhoff kritisiert das deutsche Bildungssystem

Kostenpflichtiger Inhalt: Psychiater Dr. Michael Winterhoff schlägt Alarm : Warum die Schule unsere Kinder dümmer macht

Der Kinder- und Jugendpsychiater wird deutlich, wenn es um die Zukunft des Nachwuchses geht: „Deutschland verdummt.“ Kommenden Mittwoch, 29.1., spricht Michael Winterhoff auf Einladung der CDU im Saarrondo in Saarbrücken.

„Deutschland verdummt“, sagt Dr. Michael Winterhoff in seinem aktuellen, gleichnamigen Buch, und befeuert damit die Bildungsdebatte. Der Kinder- und Jugendpsychiater behauptet, dass der Nachwuchs in seiner Entwicklung gehemmt werde. Viele Schulabgänger seien orientierungslos. Junge Erwachsene versagten auf dem Arbeitsmarkt. Winterhoff ist am kommenden Mittwoch auf Einladung der CDU in Saarbrücken zu Gast. Im SZ-Interview erklärt er, was sich seiner Meinung nach ändern muss.

Herr Winterhoff, Sie sagen, „Deutschland verdummt“. Was genau meinen Sie damit?

WINTERHOFF Es gibt zum Beispiel die Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung vom vergangenen Jahr: 50 Prozent der Abiturienten weisen keine Hochschulreife auf. Manche angehenden Studenten können nicht sinnerfassend lesen. Ein Drittel der Bachelor- und Masterabsolventen überstehen die Probezeit in einem Unternehmen nicht. Nach einer Statistik des Deutschen Industrie- und Handelstages zufolge sind in kaufmännischen Berufen ein Drittel der Lehrstellen wegen fehlender Qualifikation nicht besetzt. Junge Menschen haben große Probleme bei den ‚soft skills’. Sie haben keinen Sinn für Pünktlichkeit. Sie erkennen Strukturen und Abläufe nicht. Das Handy ist ihnen wichtiger als der Kunde. Ihnen fehlt die erworbene, die emotionale und soziale Intelligenz. Also die Fähigkeit, dass wir umsichtig sind, vorausdenkend, dass wir Verantwortung übernehmen und uns in andere einfühlen können.

Foto: Gütersloher Verlagshaus/Jerome Gravenstein

Steckt der Fehler also im Bildungssystem?

WINTERHOFF Das Bildungswesen wurde in eine freie und offene Richtung verändert. Kinder werden als kleine Erwachsene betrachtet. Kindergärten wurden in Funktionsräume umgewandelt mit einem ‚Toberaum’, einem Bastelraum, einem Café. Die Erzieherinnen machen nur noch Angebote. In der Schule sind die Lehrer keine Lehrer mehr, sondern nur noch Lernbegleiter. Das Kind soll sich möglichst viel selbst beibringen.

Ist Frontalunterricht besser?

WINTERHOFF Es geht nicht um die Frage, ob Frontalunterricht besser ist als Gruppenunterricht. Es geht um die Vorstellung, dass das Kind auf sich gestellt ist und von sich aus die Dinge selbst erarbeiten soll. Bei Gruppenunterricht braucht es schlicht kleine Gruppen. In der Schweiz läuft das fantastisch. Auf 20 Kinder kommen zwei Lehrer und zwei Klassenräume. Da kann man in das Thema einführen und Dinge auch selbstständig erarbeiten lassen. Entscheidend ist, dass Lehrer herumgehen und sich das genau anschauen.

Also ist das selbstständige Lernen das Problem, obwohl sehr dafür geworben wird?

WINTERHOFF Das ist eine Katastrophe. Die emotionale und soziale Psyche ist das wichtigste, was wir brauchen, um so leben zu können, wie wir leben. Sie kann sich nur am Gegenüber bilden. Die Psychoanalyse zeigt, dass Kinder sich ab zweieinhalb Jahren immer an den Bezugspersonen orientieren. Das Sozialverhalten ist eine eingeübte Verhaltensweise. Sie entsteht nur, wenn der Erwachsene das Kind anleitet.

Trifft Lehrer und Erzieher die Schuld?

WINTERHOFF Wenn wir von Schuld reden, dann ist es die der Bildungspolitik. Um die Jahrtausendwende kamen Bildungspolitiker auf die Idee, dass man Kinder auf das digitale Zeitalter vorbereiten müsste. Kinder kann und muss man aber nicht auf etwas vorbereiten, dass irgendwann kommt. Wenn Kinder eine Psyche entwickeln würden, kämen sie in jedem Zeitalter zurecht. Leider hat man auch die OECD gefragt. Da sitzen Technokraten, die der Meinung sind, dass man in der digitalen Welt mehrere Sachen gleichzeitig machen muss . Dass man sich vieles selbst erarbeiten muss. Daraus wurde geschlossen: Je früher sich Kinder Dinge selbst erarbeiten, desto besser werden sie später in der digitalen Welt zurechtkommen. Dann gab es noch die Ideologen, die das ganze Bildungswesen an den Lehrern und den Erziehern vorbei umgewandelt haben.

Die Bildungspolitik in den Bundesländern ist zuweilen recht unterschiedlich.

WINTERHOFF Ja, leider. Ich war kürzlich in Thüringen gewesen. Da gibt es einen Bildungsplan. Es gibt gesetzlich vorgegebene Kinderparlamente in Kitas und Schulen. Die Kinder sollen möglichst alles selbst bestimmen. Das sind Vorstellungen, die unter dem Aspekt der Psychoanalyse fatal an allem vorbeigehen, was Kinder eigentlich brauchen. Der wichtigste Faktor, das Gegenüber als Bezugsperson, fehlt. Man nennt das lernorientierter Unterricht. Was man aber benötigt ist ein lehrerzentrierer Unterricht, auf die Bezugsperson.

Was läuft falsch im Schulalltag?

WINTERHOFF In vielen Klassen und Kindergärten herrscht ein unglaubliches Durcheinander, Krach und Unruhe. Das würden noch nicht mal wir Erwachsenen aushalten. Gut entwickelte Kinder leiden darunter. Dann wurde noch die Inklusion ohne Konzept drauf gesetzt. Ein Kind mit Auffälligkeiten wäre auf eine Beschulung durch einen Sonderschullehrer angewiesen, der dafür ausgebildet ist. Der kommt aber nur zwei Stunden die Woche. Den Rest soll der Grundschullehrer übernehmen. Wenn es nicht klappt, übernimmt die Stadt Kosten für einen Helfer, der oft aber ein Laie ist. Kinder werden in vielen Bereichen nur noch verwahrt, nicht mehr gefördert und gefordert. Wenn sich die emotionale und soziale Psyche nicht entwickelt, werden wir verdummen.

Bildung hört nach dem Schulunterricht nicht auf. Welche Rolle spielen die Eltern?

WINTERHOFF Erwachsene haben sich zwischen 1995 und heute massiv verändert. Viele sind gehetzt, gereizt, depressiv. Eltern sind immer unter Spannung. Der Nachwuchs wird viel zu oft an elektronische Geräte geschickt. Dann hat man Ruhe. Was Kinder aber brauchen sind Eltern, die in sich ruhen. Das können sie immer weniger leisten. Das ist kein Vorwurf, sondern Realisierung. Wenn die Ruhe und Anleitung nicht zu Hause erfolgen kann, muss es außerhalb geschehen. Wir haben ja auch immer mehr Ganztagsangebote.

Was genau fordern Sie?

WINTERHOFF Eine Bildungsoffensive. Dazu ist jeder aufgerufen. Die Frage ist doch, warum die Eltern das alles mitmachen? Warum protestieren sie nicht? Genauso die Lehrer. Die schaffen das alles nicht mehr. Sie müssen etwas machen, hinter dem sie gar nicht stehen. Warum schweigen sie? Wir brauchen viel kleinere Gruppen. Auf 15 bis 20 Kinder zwei Lehrer oder einen Lehrer und einen Erzieher. Dann kann man sich wirklich um die Kinder kümmern und sich ihnen als Bezugsperson anbieten. Wenn man bereit wäre, sich dem Problem zu stellen, würde es auch einen Druck auf die Bildungspolitik geben.

Was passiert, wenn wir jetzt nicht dagegen steuern?

WINTERHOFF Wenn wir nicht erkennen, dass viele Kinder sich auf dem Entwicklungsstand von Kleinkindern befinden, und wir nicht überlegen, wie wir sie auf den Stand ihres Alter entsprechend bringen können, dann wird die Gruppe derer, die später nicht lebenstüchtig und nicht arbeitsfähig ist, immer größer. Wir bauen darauf, dass die Starken die Schwachen tragen, dass die Jungen für die Alten sorgen. Dieses Versorgungssystem ist in Gefahr. Auch der Frieden ist gefährdet, wenn die Menschen keinen Blick mehr für andere haben. Noch können wir gegensteuern. Dafür müssen wir aber bereit sein, uns kritisch mit den Problemen auseinanderzusetzen und sie nicht einfach vom Tisch wischen. Diese Verantwortung haben wir für die Kinder.

„Deutschland verdummt: Wie das Bildungssystem die Zukunft unserer Kinder verbaut:“, Dr. Michael Winterhoff, Gütersloher Verlagshaus, 224 Seiten, 20 Euro.