Porträt des Saarbrücker Musikers Jakob Raab

Beim Sonntagsbrunch griff er in die Tasten : „Ich bin von Klang und Rhythmus geprägt“

Jakob Raab sagt, er sei „einfach allergisch“ gegen Jazz. Trotzdem war er „der vielleicht jüngste Barpianist“ Deutschlands. Heute studiert er Musiktheorie, Komposition und Klavier.

Der Musikunterricht in der Schule war‘s nicht, beteuert er. Auch nicht das Zuhause, obwohl beide Eltern musizieren - die Mama singt, der Papa spielt Saxofon. Nein, Jakob Raab entwickelte als Jugendlicher eine ureigene Neugier für Musik und strebte nach einem Zugang zu dieser „magischen Welt“. Er wollte das Geheimnis ergründen, weshalb Musik so wirkmächtig ist. Wie man überhaupt etwas komponieren kann. Und wie es, auch technisch gesehen, funktioniert, dass mehrere Menschen zusammen Musik machen – oder woran das scheitert. So lernte er zunächst Klavier und Schlagzeug und hörte querbeet alles von Mozart über Pop und Heavy Metal bis Rap, spielte in Bands und war mit 18 Jahren der vielleicht jüngste Barpianist Deutschlands: Im Victor‘s Hotel griff der 1995 geborene Saarbrücker beim Sonntagsbrunch in die Tasten.

Dabei erträgt er Jazz eigentlich gar nicht. „Ich kann mit keiner Spielart des Jazz etwas anfangen“, bekennt Raab, „ich bin einfach allergisch dagegen.“ Dennoch hat er die allergrößte Hochachtung vor Jazzmusikern – weil es für ihn eine Selbstverständlichkeit ist, etwas wertzuschätzen, obwohl man emotional nichts damit anfangen kann.

„Diese Toleranz kann einen die Kunst paradoxerweise lehren“, sagt Raab: „Ganz unemotional auf etwas zu reagieren und dessen Qualitäten zu erkennen und anzuerkennen.“ Um dazu überhaupt in der Lage zu sein, muss man freilich die Bereitschaft mitbringen, sich auch mit unbequemen Dingen auseinanderzusetzen – diese Dialogfähigkeit hält Raab in allen gesellschaftlichen Belangen für zwingend notwendig.

Um auf seine Karriere als Barpianist zurückzukommen: „Es war bestimmt grauenhaft!“, sagt Raab lachend. „Ich hab die Standards runter geleiert. Und ein 18-Jähriger, der auf cool macht – das hat einfach keinen Charme. Aber: Ich konnte improvisieren.“

Das wiederum lernte Raab nicht nur übers Hören, sondern weil er sich schon früh mit Harmonielehre auseinandersetzte: Um die Aufnahmeprüfung fürs Vorstudium an der Hochschule für Musik Saar (HfM) zu schaffen, verschlang er autodidaktisch die entsprechenden Fachbücher des ehemaligen HfM-Rektors Thomas Krämer – ohne zu wissen, dass der an der HfM Dozent war.

Der Zufall wollte es, dass Raab später bei Krämer studierte: Raab schrieb sich für Komposition bei Theo Brandmüller ein, setzte sein Studium nach dessen Tod bei Thomas Krämer und Jörg Nonnweiler fort und macht aktuell seinen Master bei Brandmüllers Nachfolger Arnulf Herrmann.

Parallel studierte er bei Wolfgang Rihm an der Musikhochschule Karslruhe und macht dort jetzt obendrein seinen Bachelor in Musiktheorie und Klavier. Also pendelt er ständig zwischen Karlsruhe und Saarbrücken. Die Zugfahrten nutzt Raab zum Arbeiten, denn er komponiert hauptsächlich an Rechner und Laptop: zeitgenössische Neue Musik, die „zugänglich“ sein soll.

„Musik ist weder ein politisches Instrument noch eine wissenschaftliche Angelegenheit“, erklärt Raab seine Haltung. „Mir ist wichtig, dass meine Kompositionen musikantisch sind. Ich brauche Fleisch. Diese stubenhockerische, verhuschte Fokussierung auf Einzeltöne mag ich gar nicht.“

Selbstkritisch grübelt er über mögliche Defizite in Sachen Melodik nach. „Da ich nie ein Melodie-Instrument gespielt habe, bin ich von Klang und Rhythmus geprägt“, erläutert Raab. „Für mich sind Zusammenklänge wahnsinnig interessant.“

Die öffentliche Anerkennung ist ihm jedenfalls schon jetzt gewiss: Bereits drei Jahre in Folge wirkte Raab als Pianist und Komponist bei der renommierten Saarbrücker Sommermusik mit. Mit einem elektroakustischen Stück gewann er einen Preis beim Wettbewerb „We compose“ des Bayrischen Rundfunks; seit diesem Jahr ist er außerdem Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes. Und just Anfang Dezember erntete Raab erneut öffentliche Lorbeeren in Form des mit 6000 Euro dotierten Kulturförderpreises der Landeshauptstadt Saarbrücken.

Was er mit dem Geld macht? „Der Großteil wird für Software und Equipment draufgehen“, schätzt Raab. Vielleicht investiert er auch in eine Filmausrüstung, denn diese Kunstform interessiert ihn ebenfalls: In Karlsruhe besucht er auch ein Seminar über Film- und Kameratechnik.

Wer wissen möchte, wie ein echter Raab klingt, hat dazu im neuen Jahr Gelegenheit: Am 25. Januar um 19 Uhr interpretiert das Berliner Ensemble Zafraan in der HfM Werke der Kompositionsklasse Arnulf Herrmann. Der Eintritt ist frei.

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