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Peter von Seidlein war Architekt des Siemensgebäudes in Saarbrücken

Trendsetter : Klare Linien und technische Perfektion

Der aus München stammende Architekt Peter von Seidlein, ein Schüler des legendären Ludwig Mies van der Rohe, entwarf die Niederlassung der Firma Siemens in Saarbrücken.

Als „Mid-Century-Modernism“ bezeichnet man eine Ausprägung der Nachkriegsmoderne, die klare Linien, technische Perfektion und Funktionalität bevorzugte. Politischen Optimismus, Konsumfreude und Nachkriegswohlstand sehen Historiker auch in der Architektur dieser Epoche. Das beste Beispiel dafür ist die Niederlassung der Firma Siemens in Saarbrücken. Sie wurde von dem ebenfalls aus München stammenden Architekten Peter von Seidlein gebaut. Der sechsgeschossige Bürokubus hatte eine elegante Vorhangfassade, die keine Lasten tragen muss, eine sogenannte „Curtain Wall“, wie der dritte Bauhaus-Direktor, Ludwig Mies van der Rohe, sie speziell in seinem Chicagoer Exil zu einem weltweit beliebten Motiv geformt hatte. Die streng orthogonale, aber fein proportionierte Pfosten-Riegel-Konstruktion besteht aus dunkel eloxiertem Aluminium und hat, wie bei Mies üblich, eine „negative Ecke“, die dem Gebäude mehr Eleganz gibt. Weil die Fenster nicht zu öffnen waren, hatte das Siemens-Gebäude eine Klimaanlage zusätzlich zu den Sonnenschutz-Lamellen. Was damals als Vorbote einer komfortablen, amerikanisierten Arbeitswelt galt, wird heute als Energie-Schleuder und potentieller Viren-Herd wieder abgeschafft.

Die Details der Stahl-Glas-Fassade verkörpern den Stil der 1960er Jahre. Komposition, Konstruktion und Details stehen unter dem Einfluss von Mies, bei dem von Seidlein in Chicago gearbeitet hatte. Nach seiner Entlassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft hatte Peter C. von Seidlein 1951 am Illinois Institute of Technology (IIT) in Chicago studiert und bei Mies gearbeitet. Es muss eine sehr prägende Zeit gewesen sein. „Alles, was ich in München lernte und sah, war nicht ernsthaft, nicht streng im Vergleich mit der Schule bei Mies“, gab Seidlein später zu Protokoll. Sein erster Bau war das Institut für physiologische Chemie an der Uni Tübingen,  und der Wettbewerbsgewinn für die Siemens-Niederlassung folgte schon 1962. Da das Tübinger Gebäude abgerissen wurde, ist Saarbrücken der Bauort für das einzige erhaltene Frühwerk eines der bekanntesten süddeutschen Architekten seiner Generation. Als Hauptwerk von „PCVS“, wie die Initialen von Peter C. von Seidlein (1925-2014) lauteten, gilt die Zeitungsdruckerei für den Süddeutschen Verlag von 1984 in München.

Als Vertreter der Nachkriegsmoderne hat Seidlein in Saarbrücken „mit eigenen Mitteln die Mies’sche Auffassung“ weiterentwickelt und Eindeutigkeit, Klarheit und Logik auf den Punkt gebracht. Der Grundriss war ebenso fortschrittlich wie die Fassade: Das Siemens-Gebäude in Saarbrücken war das erste, in dem das damals neue amerikanische Konzept des „Großraumbüros“ umgesetzt wurde.

Siemens gab die Niederlassung in der Innenstadt im Jahr 2010 zugunsten eines architektonisch bedeutungslosen Neubaus am Stadtrand auf. Eine prononcierte „Corporate Architecture“ war Deutschlands Vorzeige-Konzern plötzlich nichts mehr wert. Das Siemens-Gebäude stand vier Jahre lang leer. Dann begannen die Sanierung und der Umbau zu einem „Loft-Haus“ mit Wohnungen. Die denkmalgeschützte Fassade wurde erhalten und das Gebäude vom Büro Hauser Architektur (Erik Hauser) aus Saarlouis zum „Unique3“-Wohnensemble umgebaut. Es besteht aus drei Teilen: Den Wohnungen im Kubus, einem „Unique Garden Loft“ genannten Riegel und einem parallelen Trakt, der „Unique Living“ heißt. Alle Wohnungen haben eine Loggia und Raumhöhen von bis zu 3,80 Meter. Ursprünglich ergänzten ein eingeschossiges Casino und in den Hang hineingebaute Werkstätten das kubische Haupthaus.  Eine parallel zur Martin-Luther-Straße verlaufende Waschbetonmauer verband alle Gebäude zu einer Einheit.

Auf dem Kantinengelände wurden „Garten-Lofts“ gebaut, sechs Wohnungen mit Stadtgärten im Erdgeschoss und 14 Zweizimmer-Apartments darüber. Dritter Baustein der Anlage sind 31 Wohnungen auf dem Gelände der ehemaligen technischen Werkstätten in einem 85 Meter langen Riegel: Auf sieben EG-Wohnungen wurden 24 Apartments auf zwei Etagen aufgesattelt. Alle Dächer wurden begrünt, Gärten und (zur nahegelegenen Bahnstrecke hin) ein Spielplatz eingerichtet. Erst diese Nachverdichtung des Areals hat den Umbau ökonomisch möglich gemacht und die zurückgenommenen Neubauten treten nicht in Konkurrenz zu Seidleins Werk.

Wie ein „Haus-im-Haus“ dient Seidleins Fassade, ein Meisterwerk des Mid-Century-Modernisms, heute nur noch als Witterungsschutz. Die thermisch wirksame Fassade verläuft rund drei Meter dahinter. Die Lofts dahinter haben Betonfußböden und freie Grundrisse. Denn wie die meisten Gebäude der Nachkriegsmoderne hat auch das ehemalige Siemens-Gebäude in Saarbrücken große Spannweiten und kaum Stützen. Ein neues Leben als Wohnhaus macht die Architektur deshalb leicht.

Ulf Meyer und Marco Kany (Hrsg.):
Architekturführer Saarland. Edition Architektur und Kultur, 290 Seiten, 35 Euro.