Per Mausklick zum Krankenschein

Kostenpflichtiger Inhalt: Bei Erkältung und Regelschmerzen : Per Mausklick zum Krankenschein

Statt jetzt zum Arzt zu gehen, gibt es bei Erkältung und Regelschmerzen einen „gelben Schein“ per Mausklick vom Krankenbett aus.

Telefonische Terminabsprache, langes Sitzen im Wartezimmer, eine kurze Visite beim Arzt im Behandlungsraum und dann mit einem Krankenschein nach Hause? Wenn es nach dem Portal AU-Schein.de geht, ist das alles über-
flüssig, ein paar Klicks von zu Hause reichen nach diesem Geschäftsmodell aus, um an den „gelben Schein“ zu kommen.

Wer sich bei einer Erkältung für maximal drei Tage krankschreiben lassen will, kann das seit Dezember 2018 über die Seite des Hamburger Start-Ups tun. Diesen September hat das Unternehmen sein Angebot für Frauen auf starke Regelschmerzen ausgedehnt. Geht es um die klassische Erkältung, werden 22 typische Symptome abgefragt, darunter Fieber, Gliederschmerzen, verstopfte oder laufende Nase und Schüttelfrost. Ist die Temperatur allerdings zu hoch (über 38,5 Grad Celsius), gibt es den Krankenschein ohne Arztbesuch nicht. Hat ein Arzt auf Basis der Angaben die Diagnose gestellt, erhält der Patient seine Krankschreibung digital per Mail oder Whatsapp und anschließend noch per Post. Diese kann er dann als E-Mail an den Arbeitgeber und die Krankenkasse weiterleiten. Der Service kostet neun Euro – zahlbar via PayPal –, bezahlen muss ihn der Patient selbst. Für jeden Nutzer darf ein solcher AU-Schein maximal für drei Tage und nur zweimal pro Jahr ausgestellt werden.

Ist das Angebot eine Chance zur Entlastung überfüllter Arztpraxen oder eine Einladung für Blaumacher? „Ich sehe das neutral“, sagt Joachim Meiser, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung des Saarlandes. „Für eine kurze Arbeitsunfähigkeit kann das Angebot durchaus entlastend sein“, meint der Allgemeinmediziner. Da es bisher kaum genutzt werde, sei keine Entlastung zu spüren. Hinzu komme, dass die meisten Arbeitgeber ohnehin erst ab dem dritten Krankheitstag ein Attest forderten. „Wenn das nicht gerade immer montags oder freitags passiert, halte ich das auch so für in Ordnung. Für eine einfache Atemwegserkrankung braucht es keinen Arzt. So viel Verantwortung kann man dem Arbeitnehmer zumuten“, findet Meiser.

Natürlich könne das Portal zum Blaumachen genutzt werden, aber das passiere genauso in der Arztpraxis. „Wie soll ein Arzt herausfinden, ob der Patient tatsächlich die ganze Nacht Durchfall hatte oder starke Kopfschmerzen hat?“, fragt Meiser. Doch stoße die Fernbehandlung ohne dass der Patient einen Arzt sieht, an ihre Grenzen. Es fehle die Inaugenscheinnahme, das Abtasten und Abhören, um ernsthafte Erkrankungen oder andere Ursachen ausschließen zu können. Meiser erinnert sich an eine junge Frau in seiner Praxis, die wegen Unwohlsein gekommen war, und nicht gemerkt hat, dass sie bereits im sechsten Monat schwanger war.

Das Portal AU-Schein.de befinde sich in einer Grauzone des rechtlich Erlaubten. „In der AU-Richtlinie des gemeinsamen Bundesausschusses ist festgelegt, dass der Arzt das Attest nur nach besonderer Sorgfalt und Gründlichkeit bei der Untersuchung ausstellen darf, sodass dieses auch vor Gericht als Beweis Bestand hat. Dazu ist der persönliche Kontakt vorgeschrieben“, sagt Meiser. Das im Vorjahr gelockerte Fernbehandlungsverbot besage, dass der persönliche Kontakt auch bei einem bisher unbekannten Patienten „im Einzelfall“ nicht mehr zwingend vorgeschrieben ist. Die Betreiber des Portals nutzten eine Regelungslücke: „Bei der Aufhebung des Fernbehandlungsverbots hat man den Aspekt der Fern-AU vergessen“, sagt Meiser. Das saarländische Innenministerium habe in einem Schreiben empfohlen, die Whatsapp-AU nicht anzuerkennen, weil Sorgfalt und Gründlichkeit so nicht gewährleistet seien.

Den Krankenschein per Whatsapp hält Meiser für einen Werbegag. „Das Angebot erfüllt nicht den Bedarf, etwa wenn man an Grippe erkrankt ist. Aber es hilft in der Diskussion, wo man hin will. Denn klar ist, dass digitale Angebote kommen werden.“

Die Ärztekammer des Saarlandes folgt in ihrer Bewertung der Online-Krankschreibung der Bundesärztekammer. Allerdings: „Es gibt hier bei uns keine Beschlussfassung zu diesem Thema“, teilt Saar-Ärztekammerpräsident Josef Mischo mit. Am 30. September soll erstmals eine Arbeitsgruppe unter Mischos Leitung tagen, die in einem halben Jahr Empfehlungen zur konkreten Umsetzung der Fernbehandlung vorlegen soll. „Bei einer Diagnose, die sicher auch bei einer Fernbehandlung zu stellen ist, sollten auch alle therapeutischen Konsequenzen möglich sein. Allerdings stehen aus unserer Sicht aktuell einige Vorgaben der Ausstellung einer AU entgegen“, sagt Mischo. So können per Fernbehandlung keine Rezepte ausgestellt werden – auch weil die Frage des Einlesens der Versichertenkarte und der Vergütung noch nicht geklärt ist.

Joachim Meiser, stellvertretender Vorstands-Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung. Foto: Meiser
Josef Mischo, Präsident der Ärztekammer des Saarlandes. Foto: Robby Lorenz

Doch es gibt auch kritische Stimmen. So forderte der Deutsche Ärztetag im Mai „vor dem Hintergrund der Zunahme fragwürdiger telemedizinischer Anwendungen“ den Vorstand der Bundesärztekammer dazu auf, „die rechtlichen Möglichkeiten zur Unterbindung solcher Online-Anwendungen und der Sanktionierung der Anbieter zu prüfen“. Es sei gar eine „,Goldgräberstimmung’ mit Auswüchsen wie der Krankschreibung per Messenger-Dienst ausgebrochen“. Die Lockerung des Fernbehandlungsverbots „im Einzelfall“ müsse die ärztliche Sorgfalt wahren. Die Telemedizin biete neue Möglichkeiten, aber könne nur das bisherige Zusammenspiel von Arzt und Patient ergänzen. Wie die Bundesärztekammer auf SZ-Anfrage mitteilte, werde dieser Beschluss in den Gremien derzeit beraten.

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