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Portrait Annette Orlinski
Patchwork-Teppich zeigt die Vielfalt der Stadt

Während der Saarbrücker Integrationsmesse „Immigra“ nähte Annette Orlinski 2012 im Rathaus Zettel mit Träumen der Besucher in den Stoff. Daraus entstand eine  Decke.
Während der Saarbrücker Integrationsmesse „Immigra“ nähte Annette Orlinski 2012 im Rathaus Zettel mit Träumen der Besucher in den Stoff. Daraus entstand eine Decke. FOTO: BeckerBredel
Alt-Saarbrücken. Annette Orlinski ist Künstlerin und Sozialarbeiterin gleichzeitig. Jetzt engagiert sie sich für die Kampagne „PatchWorkCity“. Von Nicole Baronsky-Ottmann

Annette Orlinski steht in ihrer Werkstatt in Alt-Saarbrücken, einem ehemaligen Ladenlokal, das so viel mehr ist als eine Werkstatt. Denn einmal im Monat öffnet sie die Türen, dann wird ihr „Kokon“, wie sie es nennt, zu einem Cafe. Die übrige Zeit ist der „Kokon“ nicht nur Kunst- und Modewerkstatt, sondern auch Ausstellungsraum und Treffpunkt für Workshops, Trauerwerkstatt und Gesprächsraum.


Annette Orlinski ist Künstlerin und Designerin, Hutmacherin, Grafikerin und mittlerweile auch Sozial­arbeiterin – wenn auch ohne Ausbildung. Sie ist voller Ideen und Tatendrang und hat dazu eine stark ausgeprägte soziale Seite. „Ich habe so viel gemacht. Ich finde mich in meiner Biografie schon selbst nicht mehr zurecht“, sagt sie und lacht. Orlinski stammt aus Oberschlesien, aus Polen, aus einer Arbeiterfamilie. „Aber in unserer Familie ist in jeder Generation ein Künstler“, erzählt sie. 1989 kam die Familie ins Saarland und blieb. Orlinski machte in Saarbrücken Fachabitur im Bereich Design, im Anschluss eine Ausbildung im Bauzeichnen. „Das war aber nur, um die Wartezeit zu überbrücken“, sagt sie. Denn ihr Ziel war ein Studium an der Hochschule der Bildenden Künste Saar, was ihr 1998 gelang.

2004 machte sie ihr Diplom in Kommunikationsdesign. Ihre Diplomarbeit war schon das erste Projekt, bei dem sie neben Designerin auch Organisatorin und Galeristin wurde. Denn in ihrer Diplomarbeit erstellte sie virtuell ein polnisches Kulturinstitut „Polska Kultura“. „Es war mir ganz wichtig, die Vielfalt der Kunst in Polen zu zeigen“, betont sie. Daher wurde im Anschluss aus ihrem Atelier ein realer Ausstellungsraum, in dem sie Werke polnischer Künstler zeigte. Das kam an. So arbeitete sie nach und nach mit verschiedenen Galerien und Organisationen in Polen und dem Saarland zusammen. „Dadurch wurde ich so etwas wie die Frau für polnische Fragen“, fährt sie fort und lacht. Denn es folgten Projekte als Sprachpatin und integrative Jugendprojekte. Bis heute lehrt sie Handarbeitsunterricht an Schulen.

Daneben arbeitet Orlinski immer an eigenen Design-Projekten. So eröffnete sie einen Showroom mit dem Stricklabel „Frau O“, fertigte Hüte an und leitete Workshops mit dem Thema „Pimp your Outfit mit Frau O“. Sie fertigt Scherenschnitte an, die auch in ihrer heutigen Werkstatt ausgestellt sind. Ganz zart und filigran sind diese nostalgischen Arbeiten. „Ich nenne sie aber Papierschnitte, da so akkurate Schnitte nur mit dem Skalpell möglich sind“, erklärt sie.

Seit 2012 hat sie nun schon ihre Werkstatt „Kokon“, daneben unterhält sie auch noch den „Kleinen Freiraum“ an der Ecke der Wilhelm-Heinrich-Straße. Und weil sie mit den Projekten anscheinend nicht ausgelastet ist, leitet sie auch Motivations- und Teambildungskurse in Unternehmen und persönliche Lebensberatung durch Kreativität. „Ja, es ist sehr viel“, sagt sie. Aktuell überlegt sie, das eine oder andere aufzugeben. Denn es liegt ihr etwas anderes am Herzen. „Ich arbeite sehr gerne mit ganz besonderen Menschen.“ Daher verlegt sie den Schwerpunkt ihrer Arbeit zunehmend auf Kunsttherapien mit Menschen, die schwer geistig und körperlich behindert sind. „Das ist mein absolutes Herzensprojekt“, erklärt sie.



Damit passt Annette Orlinksi perfekt zur „Kampagne PatchWorkCity“ des Zuwanderungs- und Integrationsbüros der Stadt Saarbrücken. Dieses Projekt über die Vielfalt der Menschen wird die Stadt von April bis Juni mit vielen Veranstaltungen begehen. Annette Orlinksi wurde dazu angefragt und sie hatte gleich die Idee, einen riesigen Teppich zu gestalten. „Ich gehe dafür in unzählige Einrichtungen. Da sind Schulen und Heime dabei, aber auch die Wärmestube. In allen Einrichtungen sollen Teppichstücke gestaltet werden, die einen Meter lang und einen Meter breit sind. Insgesamt will ich ungefähr 500 Menschen erreichen, die ein Stück Teppich aus recycelten Materialien herstellen“, erklärt sie. Am 8. Juni sollen dann während eines Aktionstags alle Teppichstücke aneinandergelegt werden, vom St. Johanner Markt bis zur Europa-Galerie. „Jeder kann mitmachen. Denn dieser Teppich wird die Vielfalt der Menschen in Saarbrücken zeigen“, schwärmt Annette Orlinski.

„Kampagne PatchWorkCity. Zusammenleben in Vielfalt. 9. April bis 22. Juni“, ein Projekt der Stadt Saarbrücken. Weitere Infos unter http://bit.ly/2Fy3W87

Annette Orlinski bei der Gestaltung der Teppichstücke mit den Kindern der ambulanten Praxis für Heilerziehungspflege „HEP“.
Annette Orlinski bei der Gestaltung der Teppichstücke mit den Kindern der ambulanten Praxis für Heilerziehungspflege „HEP“. FOTO: HEP