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Neue Wende im Missbrauchsskandal am Universitätsklinikum Homburg

Kostenpflichtiger Inhalt: Untersuchungsausschuss im Missbrauchskandal : Wusste die Regierung früher vom Missbrauch?

Ein Arzt soll an der Uniklinik Homburg Hunderte Kinder missbraucht haben. Als es rauskam, hätten Regierung und Klinik schon 2014 Stillschweigen über den Fall vereinbart, sagte ein ehemaliger Oberarzt. Und nicht erst 2015 – wie bisher behauptet.

Fünf Stunden dauerte die Zeugenbefragung. Von 11 bis 16 Uhr saß der Untersuchungsausschuss zum mutmaßlichen Missbrauchsskandal an der Homburger Uniklinik in Saarbrücken zusammen, hörte und befragte sechs Zeugen. Allesamt ehemalige Mitarbeiter oder Mitarbeiterinnen der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums in Homburg. Psychiater, Krankenschwestern, Oberärzte. Am Ende stand für die SPD wie Linke fest: Die Landesregierung hat früher vom Missbrauchsskandal gewusst, als sie bisher zugeben hat.

Mehrere Jahre lang soll der 2016 verstorbene Assistenzarzt Matthias S. in Homburg Kinder missbraucht haben.  Am 18. Dezember 2014 erstattet das Klinikum Strafanzeige gegen ihn bei der Polizei in Saarbrücken. Der Vorwurf: „Sexueller Missbrauch von jungen Patienten in der Zeit von 2010 bis 2014 (…)“.  Noch am selben Tag erhält Matthias S. von seinem Chef, Professor Alexander von Gontard, die fristlose Kündigung. Klinikleitung und Staatsanwaltschaft sollen kurz darauf die Entscheidung getroffen haben, die betroffenen Eltern über den mutmaßlichen Missbrauch an ihren Kindern nicht zu informieren.

Nach Annahme der SPD und der Linken gab es etwa zu diesem Zeitpunkt auch ein Treffen der Oberärzte, bei dem Professor von Gontard seinen Kollegen über den Fall berichtete. An den genauen Zeitpunkt des Treffens konnte sich der Zeuge im U-Ausschuss, ein Oberarzt, der an Parkinson leidet, nicht erinnern. An die Worte seine Chefs hingegen schon. Von Gontard habe in der Sitzung die Ärzte von dem Fall in Kenntnis gesetzt und erklärt, dass er ihn mit der „Klinikverwaltung und der Landesregierung durchgearbeitet“ habe. Von Gontard habe auch gesagt, dass er mit der „Verwaltung und der Landesregierung“ Stillschweigen vereinbart habe. „Bitte sagen Sie es nicht weiter, auch nicht Ihren Partnern und Partnerinnen“, soll Gontard gesagt haben. Wen von Gontard bei der Regierung informiert habe, und wann, dazu konnte der Zeuge keine Angaben machen. Er konnte sich nicht erinnern. Gontard will nicht im Ausschuss aussagen, er habe wie eine Oberärztin ein umfassendes Aussageverweigerungsrecht geltend gemacht. Ob zurecht, prüft der Ausschuss gerade.

„Bislang hatte es geheißen, die Landesregierung sei erst 2015 durch Berichte der Staatsanwaltschaft an die Justiz-Staatssekretärin und zwischenzeitliche Justizministerin Anke Morsch (SPD) über die Missbrauchsvorwürfe und die Ermittlungen informiert worden; dies sei aber nicht an andere Stellen innerhalb der Regierung weitergegeben worden“, sagte Dennis Lander von der Landtagsfraktion der Linken. Und: „Hinter diese Darstellung muss man nun ein großes Fragezeichen setzen.“

„War die Landesregierung doch deutlich früher über die Vorgänge am Homburger Uniklinikum informiert als bislang behauptet?“, fragte auch Jürgen Renner, der für die SPD im Untersuchungsausschuss bei den Zeugen nachhakte.  Er verortete die vom Zeugen nicht terminierte Sitzung in „den Dezember 2014“, da die Anzeige damals bei der Staatsanwaltschaft eingegangen sei. Zumindest seien dies „ernstzunehmende Hinweise, dass der Kreis der Wissenden größer war als ursprünglich dargestellt, sollte sich die Aussage des Zeugen als wahr herausstellen“.

Die zweifelt die CDU an. Es sei schwierig, die Aussage des Zeugen „direkt zu interpretieren“, sagte die Obfrau der CDU-Fraktion im Untersuchungsausschuss, Jutta Schmitt-Lang. Schließlich habe heute auch sein Anwalt zu Protokoll gegeben, dass sein Mandant von seiner Krankheit gezeichnet sei, dass ihm zeitliche Zuordnungen schwer fallen würden. „Wir werden natürlich morgen die Fragen an die Beteiligten stellen, ob sie was gewusst haben. Aber aufgrund dieser Aussage in diese Richtung bereits zu interpretieren, ist schwierig“, sagte Schmitt-Lang. Zur Sitzung am heutigen Freitag sind die damalige Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer und der damalige Chef der Staatskanzlei, Jürgen Lennartz (beide CDU), geladen.

Sie werden sicher auch von den restlichen Zeugenaussagen unterrichtet sein. Diese unterstrichen, dass Matthias S. ein Mensch war, der nur schwer Distanz halten konnte, dass er naiv war. Die meisten seiner Kollegen empfanden ihn als schwierig, die wenigsten als „freundlich“. Pädophil? Davon hätten alle nichts gemerkt. Erst im Nachhinein, als sie davon erfahren haben, hätten sich einige Ereignisse aus der Vergangenheit in diese Richtung interpretieren lassen. Eine Krankenschwester hat dies im Zeugenstand wie folgt zusammengefasst: „Nach Monaten des Aufarbeitens ist alles klar. Davor war gar nichts klar.“ Klar war den Parteien im Ausschuss danach, dass es keine „Meldeketten und keine Transparenz im Umgang mit Missbrauchsvorwürfen und Auffälligkeiten gab“, wie Schmitt-Lang erklärte. Oder wie Lander (Linke) formulierte: „Es gab keine wirksamen Kinderschutz-Konzepte und kein funktionierendes Beschwerde-Management. Auch keine klaren Strukturen und Hierarchien. Dafür tragen die Klinikleitung und auch die Landesregierung, die die Aufsicht über das landeseigene Klinikum hat, die Verantwortung.“