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Kolumne Mitten im Leben: Nachtgedanken

Kolumne Mitten im Leben : Nachtgedanken

Schon wieder kommt da so eine Schlafstörung um die Ecke. Du  wirfst dich von einer Seite auf die andere und wieder retour, bis dieses gefiederte Viech zu tirilieren beginnt. Damit ist sie um 4.30 Uhr nun endgültig vorbei: die Nacht.

Das Gehirn kommt nicht mehr zur Ruhe, es bringt die gute alte Schleuder, hergestellt aus einer soliden Astgabel, in Erinnerung. Die Waffe mit einem  Kieselstein laden, das Einmachgummi strammziehen und dann - PENG. Was sind denn das für unmögliche Gedanken? Man kann ein solch zartes Geschöpf im Baum doch nicht einfach um die Ecke bringen, nein. Es reicht schon, wenn das die Katzen tun. Also machen wir mal das Fenster zu, dann kann der da draußen piepsen bis zur Heiserkeit. Nun fällt mir  zu allem Elend plötzlich noch dieses altbackene Liedchen ein: ,,Kommt ein Vogel geflogen, setzt sich nieder auf mein‘ Fuß, hat ein Briefchen im Schnabel, von der Mutter ein‘ Gruß.“ So, so, ein Briefchen im Schnabel. Wer schreibt denn heute noch Briefe? Darf ich dem Nachwuchs gar nicht erzählen, er würde vor Vergnügen kreischen. Was? Schreiben? Von Hand? Mit einem Füllfederhalter auf wunderschönem Briefpapier? ,,Mudda, das iss doch lachhaft. Dann doch liwwa mool schnell e WhatsApp absetze.“ Oh, ist das alles so nüchtern geworden. Die Menschheit ist nur  noch elektronisch unterwegs. Man gratuliert sich auf Facebook zum ersten Kind und zum Geburtstag. Heiratsantrag per SMS mit Smiley, Kniefall- und Handkuss-Bildchen? Wird wohl auch bald gängig sein. Es ist halb sechs, die Nacht ist fast rum. Jetzt noch ein paarmal   sich hin und her wälzen und dann raus in den Alltag. Der komische Vogel da draußen hat  auch mal wieder  aufgehört, das Wohngebiet zu tyrannisieren. Dankeschön noch mal, fürs  lautstarke Aufplustern  vor Tau und Tag. Such’ Dir morgen einen anderen Baum, ansonsten soll Dich die Katze holen.