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Kolumne
Mit „Gesichtsbuch“ hinter die Stirn blicken

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Was Facebook mit Adam und Eva zu tun hat? Manche Erkenntnisse sind so alt wie die Bibel – und doch immer wieder neu.

Es gab mal eine Zeit, da habe ich nur das Allerbeste von meinen Mitmenschen gedacht. Ich grüßte jedermann freundlich und ohne Hintergedanken, ich wähnte mich im Bekanntenkreis meist unter Gleichgesinnten. Das alles war, bevor ich dachte, ich wäre nicht mehr von heute, wenn ich meine Bekannten nicht auch im Internet treffen würde. Also trat ich Facebook bei und sammelte flott jede Menge „Freunde“. Eigentlich eine schöne Sache.


Leider habe ich seither meine innere Ruhe verloren. Denn ich habe nicht damit gerechnet, dass dieses „Gesichtsbuch“ mir nicht nur die freundlichen Minen all dieser Menschen zeigt, sondern mir bei einigen leider auch einen überraschenden Blick hinter die Stirn gewährt.

Kurz: Ich weiß auf einmal viel mehr von einigen Mitmenschen, als ich von den meisten je wissen wollte. Da sind Leute drunter, von denen ich immer dachte, dass sie total vernünftige Denker sind, und die entpuppen sich auf Facebook plötzlich als Anhänger wilder Verschwörungstheorien. Menschen, die ich als durchaus geistreich eingeschätzt habe, irritieren mich mit der Veröffentlichung seltsam peinlicher Filmchen.



Und Bekannte, die ich von Angesicht zu Angesicht vor allem als total Kinder- und tierlieb erlebe, posten zwar auch jede Menge süße Katzen-Videos (und ich gestehe: auch ich liebe Katzen-Videos), aber leider auch auf einmal Sachen, die zeigen, dass Kinder für sie nicht gleich Kinder sind, sondern die Nationalität der Kleinen leider eine größere Rolle spielt.

Ich finde das anstrengend und öfter auch frustrierend. Und ich würde gern zurück zu der seligen unwissenden Zeit, als flüchtige Bekannte einfach Leute waren, denen man einen schönen Tag wünschte und ansonsten davon ausging, dass sie nette Menschen sind. Zu der Zeit, als ich höchstens die neue Frisur von jemandem bewundert habe und dabei nicht zu viel von den Gedanken wusste, die hinter dem frisch geschnittenen Pony wohnten. Und – das zählt natürlich ebenfalls – zurück zu der Zeit, als auch die anderen vielleicht nicht so sehr viel von mir wussten, wenn ich nicht gerade in der Zeitung drüber geschrieben habe. So vermittelt mir Facebook eine Einsicht, die man eigentlich schon seit Adam und Eva wissen müsste: Zuviel Erkenntnis kann einen aus dem Paradies vertreiben . . .