Mit Eschringer Geschichte(n) infiziert

Serie Menschen im Regionalverband : Mit Eschringer Geschichte(n) infiziert

Roland Schmitt kann über seine Wahlheimat ins Schwärmen geraten. Gemeinsam mit Gleichgesinnten setzt er sich fürs Dorfleben ein.

Eine erblindete Müllerin wusch sich im 18. Jahrhundert mit dem Quellwasser des Laurentius-Brunnens in Eschringen die Augen und konnte plötzlich wieder sehen – so jedenfalls ist es überliefert. Bei Nachforschungen, ob es sich wirklich um Heilwasser handelt, fanden die Eschringer damals – unterirdisch und mitten im Zulauf zum Brunnen – eine Lindenholz-Figur des heiligen Laurentius. Die Figur soll während eines der vorangegangen Kriege, zum Schutz vor Diebstahl, dort versteckt worden sein. Von da an, seit dem Fund der Figur, hatten die Eschringer Heilwasser in ihrem Ort.

Wenn Roland Schmitt von dieser Sage erzählt, spürt man förmlich, wie ihm das Herz aufgeht. Wenn es um die Geschichte von Eschringen geht, ist Roland Schmitt in seinem Element. „Die Lindenholz-Figur steht heute noch in unserer Kapelle. Den Brunnen haben wir 1993 erneuert. Die Arbeitsgemeinschaft hat alles alleine finanziert“, sagt der 66-Jährige und hat noch eine Geschichte aus den 90ern parat: „Die Stadt hat den Brunnen damals nicht genehmigt, da wir noch das alte Eschringer Wappen im Brunnen verewigt hatten. Wir haben ihn dennoch einfach aufgestellt, und seitdem hat sich niemand beschwert“, sagt der Eschringer und lacht.

Nimmt man’s genau, dann ist er eigentlich gar kein Eschringer. Er wurde in Mainz geboren und zog später wegen des Berufs des Vaters von einer Stadt in die nächste. Nach einem Bibliothekarwesen-Studium in Stuttgart bewarb er sich 1980 beim Saarländischen Kultusministerum als Bibliothekar. Wie es der Zufall wollte, wurde zu dieser Zeit eine Mitarbeiterin beim Kultusministerium und eine Mitarbeiterin in der Stadtbibliothek Völklingen fast zeitgleich schwanger, und der junge Roland bekam beide Halbtagsstellen. Mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn suchte er sich ein Haus außerhalb der Großstadt und wurde mit dem Bachmannshaus in Eschringen fündig: „Das Haus gehörte früher Georg Bachmann, dem letzten Postillon aus dem Bezirk Halberg. Als die Straßenbahn bis nach Ensheim gebaut und in Betrieb genommen wurde, verlor Georg Bachmann seinen Job. Das Haus hatte er abgelegen vom Ort gebaut – es gab kein Wasser und keinen Strom“, erzählt Roland Schmitt die nächste Geschichte aus seinem Ort.

Zusammen mit gleichgesinnten Geschichtsfreunden gründete er die Eschringer Geschichtswerkstatt, die seitdem regelmäßig die Geschichte von Eschingen aufschreibt und veröffentlicht. In der Arbeitsgemeinschaft der Eschringer Vereine ist er ebenfalls im Vorstand. Die Dachorganisation der Eschringer Vereine hält die wenigen Vereine, die es noch gibt, zusammen und veranstaltet alle zwei Jahre ein Dorfgemeinschaftsfest. „Als wir in den 80er Jahren nach Eschringen zogen, gab es noch eine komplette Infrastruktur mit Bäcker, Metzger, Märkten, Gastwirtschaften, Ärzten, einer Schule und einem Kindergarten. Heute ist davon nichts mehr da. Sogar renommierte Vereine wie der Gesangsverein und der Kirchenchor mussten aufgeben“, erzählt der Hobbymusiker.

Der 66-Jährige hat früher selber in einer Band gespielt, zudem Musiksendungen beim Saarländischen Rundfunk moderiert und auch angesagte Musiker zu Konzerten in das heute 1100 Einwohner große Eschringen eingeladen.

„Eschringen ist auf dem Weg, eine Art Vorstadtsiedlung zu werden. Das ist eben der Zahn der Zeit. Ob sich das wieder ändert, weiß ich nicht“, sagt der geborene Mainzer, der mit der Arbeitsgemeinschaft aber nicht so schnell aufgibt. In wenigen Wochen wird zum Martinsumzug eingeladen, und zu Beginn des kommenden Jahres wollen sich alle Vereine zusammensetzen und darüber reden, ob es 2020 das nächste Dorfgemeinschaftsfest gibt.

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