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Ausstellung
Mit den Fotos öffnen Menschen ihre Herzen

Anne Delrez zeigt im Forbacher Kulturzentrum Castel Coucou die Ausstellung „La photographie du portefeuille“.
Anne Delrez zeigt im Forbacher Kulturzentrum Castel Coucou die Ausstellung „La photographie du portefeuille“.
Forbach. Viele tragen Aufnahmen ihrer Liebsten im Geldbeutel mit sich. Das inspirierte Fotografin Anne Delrez zu einer Ausstellung in Forbach.

Viele Menschen tragen in ihren Brieftaschen und Portemonnaies nicht nur Geld mit sich herum, sondern auch Bilder, meist von ihren Lieben. Anne Delrez inspirierte diese Tatsache zu einer Ausstellungs-Idee. Die Metzer Fotografin, Galeristin und Leiterin des Archivs für Familienalbum-Fotos, bat per Internet-Aufruf Menschen in aller Welt, ihr ihre Brieftaschenfotos zu schicken. Das Ergebnis, eine Ausstellung mit dem Titel „La photographie du portefeuille“, ist derzeit im Forbacher Kunstverein Castel Coucou zu sehen.


Mit den Brieftaschen öffneten die Einsender für Delrez zugleich auch ihre Herzen, denn sie zeigen, an wem sie besonders hängen. So findet man erstaunlich selten nur ein Bild von Ehefrau oder Ehemann, dafür sehr oft von Oma, aber auch von Tanten oder Brüdern. Einige bewahren ganze Serien von Fotos ihrer Kinder im Geldbeutel auf. Das Format verrät, dass sie in einem Fotoautomaten gemacht wurden. „Man brauchte ein Foto für den Kinderausweis, und dann blieben noch welche übrig, die dann eben in der Brieftasche landeten und sich ansammelten“, vermutet Kuratorin Delrez. Es erstaunt die große Vielfalt der Brieftaschenfotos. Neben Porträts, die nur ein paar Jahre alt sind, entdeckt man auch solche aus der Anfangszeit des 20. Jahrhunderts, als man im Fotostudio noch lange ausharren musste, bevor das Bild im Kasten war. Für andere wiederum hat das Grundschul-Klassenfoto eines Familienmitglieds aus den 50er Jahren ein besondere, nur ihnen bekannte Bedeutung.

Nicht alle, aber manche erzählen auch die Geschichte, die sie mit ihrem Lieblingsbild verbindet: Das Zusammentreffen als Zuschauer mit Opernstars nach einer Aufführung, die gemeinsame Ferienreise mit dem Vater. Oft hält ein Brieftaschenbesitzer mit einem Bild auch die Erinnerung an Verstorbene oder weit entfernt lebende Angehörige wach. Besonders berührend: das Schwarz-Weiß-Foto, das einen Soldaten und seine Liebste beim Kuss zeigt. Die Pose erinnert an ein berühmtes Paris-Foto des bekannten Fotografen Robert Doisneau. „Es sind meine Eltern 1974, ein Jahr vor ihrer Hochzeit“, schrieb die Einsenderin Anastasia Bogomolova aus dem Ural dazu. Ihr Vater, der damals in der Militärschule Tscheljabinsk studierte, habe immer 80 Kilometer mit dem Zug fahren müssen, um seine Braut zu sehen. Die Eltern ließen sich später scheiden, der Vater starb von neun Jahren.

Die Tochter hat den Moment der Liebe bis heute immer bei sich im Gepäck. Präsentiert werden die Bilder in der ehemaligen Forbacher Synagoge, dem Sitz des Vereins Castel Coucou, leider nicht im Original, sondern zugunsten der Einheitlichkeit als Abzüge auf großen weißen Fotopapier-Bahnen, so dass man die Abnutzung der Fotos nicht völlig erkennen kann. Dennoch lohnt ein Besuch der ehemaligen Synagoge, nicht nur wegen dieser Ausstellung, auf jeden Fall.

Denn dort können die Besucher auch der französisch-koreanischen Künstlerin Hyun Jisung über die Schulter blicken. Sie kreiert als Gast des Vereins Castel Coucou dort bis Anfang August Arbeiten aus Papier. Auch die Arbeit mit Jugendlichen hat sich der Verein zur Aufgabe gemacht. Am Samstag wird auf dem Forbacher Platz Aristide Briand die Fertigstellung eines Kiosks gefeiert, in dem in den nächsten Tagen Kreativ-Workshops für Kinder angeboten werden.