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Wooden Cloud
Martin Steinert stellte sein neuestes Buch in der Q.lisse vor

Quierschied. Von Anja Kernig

„Viele wussten gar nicht, wo Quierschied ist“, stellte Bürgermeister Klaus Maurer sachlich fest. Umso besser, dass Martin Steinert just die Q.lisse, den nagelneuen Kulturort im Herzen Quierschieds, wählte, um die Dokumentation seines neuesten „wooden cloud“-Projektes vorzustellen. Natürlich war es keine willkürliche Entscheidung: Im Foyer der Q.lisse verschmelzen Steinerts Holzskulptur „Möbius 15“ und eine XXL-Fotografie von André Mailänder der wooden-cloud St. Petersburg mit der elegant-sachlichen Architektur Thomas Hepps – der Acker für die Buchpremiere war damit bestellt.



Geboten bekamen die reichlich strömenden Kunstpilger zweierlei: eine Buchpräsentation und eine Videoinstallation, bei der ein 20-minütiger Film in Endlosschleife über zwei große, im Raum aufgestellte Leinwandkonstruktionen lief. Etwas Sehnsucht generierend, galt es unspektakuläre, alltägliche Momente des Sommer 2017 in Berlin mitzuverfolgen, ober- und unterirdisch. Wobei vor allem die U-Bahn-Impressionen hängen bleiben dürften und jener Musiker, der im Trubel der Aus- und Einsteigenden ein neues Rohrblatt in sein Mundstück einlegt und zu spielen beginnt. Eingefangen hat diese Bilder und später selektierten Töne Mathilde Nodenot. Die französische Videokünstlerin begleitete Steinerts erstmals bei Wooden Cloud, das in Phase drei zugast im Berliner Stadtbezirk Neukölln war.

Dort, auf dem Richardplatz, entwickelte der Saarbrücker Bildhauer vom 23. Juni bis 21. Juli eine Skulptur aus Holzlatten. Wobei das Projekt mehrfach auf der Kippe stand, wie Steinert in dem Bildband erzählt. Die Bezirksverwaltung erwies sich als zäh, unflexibel und hemmend. Insofern zitiert der Titel des Buchs „Ich wünsche: Mehr gesunden Menschenverstand“ nicht nur einen der ’zig hundert Wünsche, die Passanten auf den Latten verewigt hatten. Er pointiert zugleich Steinerts Fazit, was Organisation und Kooperation mit der Behörde betrifft.

Allein die Standortwahl erwies sich „als große Hürde“. Da die Skulptur ja das „reinste Klettergerüst“ sei, dominierten von Anfang an Sicherheitsbedenken. Dazu kam die Angst vor Vandalismus. Die Lösung war so einfach wie genial: eine „Wolke“ hoch über den Köpfen, befestigt in den Baumkronen von vier Linden. Über 1000 Passanten, Kiezbewohner wie auch Touristen, beteiligten sich letztlich an der „Architektur der Wünsche“. Dank ihnen entstand eine 14 x 9 x 3 Meter große „Hängematte“ – das „Vogelnest“, der „Rochen“ oder das „Boot“, wie Steinert das temporäre Kunstwerk wechselweise, aber immer liebevoll, nennt. Vier weitere Wochen konnte es bestaunt werden, dann wurde es abgerissen und auch komplett vernichtet.

Zum Glück gibt es diese großartigen Fotos von André Mailänder. Sie vermögen, die beseelte Stimmung des Gesamtprozesses, die Divergenz der handelnden Personen und das Umfeld des Projektes als ursächlichen Faktor für sein spontanes Werden zu reproduzieren. Derart teilzuhaben entschädigt alle jene, die weder in Saarbrücken, noch in St. Petersburg und jetzt auch wieder nicht in Berlin bei der Wolkenmission dabei sein konnten. Zwei Versuche hat man noch: Weiter geht es 2018 mit Paris.

Aber was ist nun eigentlich das Besondere an der wooden cloud? Das formulierte Jörg Sämann vom Kultusministerium in seinem Grußwort: „Normalerweise hat man als Kunstkonsument eine passive Rolle.“ Bei Steinert dagegen passiert überhaupt erst etwas, „wo wir als Kunstpublikum aktiv geworden sind.“ Erst beschriftet, werden die Leisten „zum Werkstoff für das Projekt“. Steinert selbst zieht zufrieden Bilanz. „Die Idee war wieder aufgegangen“, schreibt er. Die Cloud sei erneut „ein Ort der Begegnung“ und „der Auseinandersetzung“ geworden, „ein Sprachrohr“ und „ein Katalog für offene Fragen“.