Marcel Dubois ist Landesvorsitzender Arbeiterwohlfahrt im Saarland.

Ehrenamt : Der Perspektivwechsler

Marcel Dubois ist ein Familienmensch, sagt aber von sich, dass er auch ohne Ehrenamt nicht leben kann.

Manchmal muss ein Vorsitzender auf den Tisch steigen, sagt Marcel Dubois. Jedenfalls verstehe er sein Amt so. Steigen, nicht hauen. So wie es Robin Williams in der Rolle des Lehrers John Keating seinen Schülern in dem Film „Der Club der toten Dichter“ beigebracht hat:  Wer auf einen Tisch steigt, wechselt die Perspektive. Der Tisch ist nur ein Symbol, „Perspektivwechsel hinzubekommen“ unerlässlich, wenn man einen Verein erfolgreich führen wolle - zumal wenn es ein so großer Verein ist wie die Arbeiterwohlfahrt (Awo) im Saarland.

14 000 Mitglieder hat der Verein. Dazu kommen 5200 Frauen und Männer, die hauptberuflich für die Awo im Saarland arbeiten - unter anderem in Seniorenheimen, Kinder-, Jugend- und Familienhilfeeinrichtungen, Jugendtreffs, Sozialstationen, Wohn- und Werkstätten für Menschen mit Behinderung, Integrationshilfen für Migranten und Stadtteilprojekten.

Dass ein für Awo-Vorstandverhältnisse junger Mann (Marcel Dubois ist 49) an der Spitze eines Verbands mit 113 Ortsvereinen und 310 Einrichtungen steht, hat mit der Art zu tun, wie er dieses Amt angeht. „Ich mag Menschen, ich mag es, mit Menschen umzugehen, und ich kann ganz gut Menschen zusammenbringen“, sagt Dubois. Und: „Echtamieren ist mir wichtig. Also Wertschätzung auf Saarländisch. Diese Menschen zugewandte Art hat dazu geführt, dass andere gesagt haben: ,Mach Du das!’“, erklärt er.

Und ein wenig hat es auch damit zu tun, dass Dubois einer ist, der gar nicht anders kann, als sich zu engagieren. Und es war schon recht früh klar, wo er das tut. Aufgewachsen ist er in Wadern. 1990, am Tag, nachdem Oskar Lafontaine als Kanzlerkandidat der SPD die Bundestagswahl verloren hat, ist er in die Partei eingetreten. „Ich weiß noch: Es war ein Montag, und ich wollte ein zeichen setzen“, erinnert sich Dubois. Als er ins Berufsleben gestartet ist, sei es dann selbstverständlich gewesen, in die Gewerkschaft einzutreten.
Zur Awo kam Marcel Dubois in Malstatt. Dort hat er sich im SPD-Ortsverein und bei den Jusos engagiert, als er zum Studieren nach Saarbrücken kam. Die Awo hat damals händeringend junge Leute gesucht. Ortsvorstand, Kreisvorstand - und dann plötzlich Landesvorstand. Gedrängt habe er sich nie um Ämter, sagt Dubois, aber auch keinen Hehl daraus gemacht, dass ihm diese Arbeit Spaß macht.

Wobei die Awo für ihn ein Ehrenamt sei, er verstehe sich als eine Art Aufsichtsratsvorsitzender. Das Tagesgeschäft überlasse er den Hauptamtlichen. „Ich will meine Tochter aufwachsen sehen. Ich bin ein Familienmensch, aber einer, der ohne Ehrenamt, ohne eine Geminschaft, in der man etwas bewegen kann, nicht leben könnte“, sagt der Elektroingenieur, der sein Geld als Vorstand beim Neunkircher Energieversorger KEW verdient. Das Ehrenamt mache Spaß. Aber man müsse „auch leidensfähig sein“, sagt Dubois, der schon eine ganze Weile in Alt-Saarbrücken lebt. „Man wird immer wieder mal zurückgeworfen. Das nennt man Leben.“

Und auch wenn ein Vorsitzender sich darum kümmern müsse, dass die anderen den Rücken frei haben, um gute Arbeit leisten zu können, bequem dürfe er nicht sein. „Es ist natürlich bequemer, sich zurückzulehnen und zu sagen: ‚Das war immer so und hat immer so funktioniert’“, sagt Dubois, aber das helfe der Awo nicht weiter. Ein Vorsitzender müsse auch „Unruhe“ in den Verband bringen. „Wir müssen immer daran denken, was sich morgen ändert“, erklärt er. Ein Beispiel seien die Großküchen, die Heime versorgen. „Früher war das so: Die Küche macht Schnitzel mit Salat. Das haben dann 99 Prozent der Bewohner gerne gegessen. Heute müssen Küchen Vegetarier, Veganer und viele Allergien berücksichtigen“, sagt Marcel Dubois.

Menschen zu Perspektivwechseln zu ermutigen, sei mitunter auch anstrengend, sagt der Awo-Landesvorsitzende. Aber, sagt der Perspektivwechsler: „Ich kann nur jedem empfehlen, sich ein Ehrenamt zu suchen, das den Horizont erweitert.“

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