Malteser schulen ehrenamtliche Demenzbegleiter

Kostenpflichtiger Inhalt: Immer größere Nachfrage : Demenzbegleiter dringend gesucht

Die Nachfrage nach Demenzbegleitern ist hoch. Warum sie sich in ihrer Freizeit für Erkrankte engagieren, erzählen die Ehrenamtlichen bei einer Schulung des Malteser-Hilfsdiensts.

Es sind ganz unterschiedliche Menschen, die sich an diesem Abend beim Malteser Hilfsdienst am Eschberg treffen. Eine Studentin ist dabei, Rentner, Witwen, ein ehemaliger Speditionskaufmann und eine Verwaltungsangestellte. Doch alle haben dasselbe Ziel: Sie wollen in ihrer Freizeit Menschen helfen, die kein übliches Leben mehr führen können und in ihrer ganz eigenen Welt leben. Die vielleicht noch viele Einzelheiten aus der Vergangenheit kennen, aber nicht mehr wissen, welcher Wochentag heute ist. Oder wie die eigenen Angehörigen heißen. Es sind Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Um auf die Besonderheiten dieses Krankheitsbildes und auf die Begegnungen mit den Betroffenen vorbereitet zu sein, lassen sich die Ehrenamtlichen schulen: zu Demenzbegleitern.

Unter dem Motto „Demenziell veränderte Menschen verstehen und begleiten“ lernen sieben Teilnehmer 30 Stunden lang viele Grundlagen für ihre künftige Arbeit – angefangen vom Basiswissen Demenz über Probleme und Herausforderungen im Umgang mit bis zu Biografiearbeit, Angehörigenarbeit und Validation, eine spezielle Kommunikationstechnik mit Demenz-Erkrankten. „Ich halte es für ganz wichtig, dass die Teilnehmer über das Krankheitsbild Bescheid wissen. Sie haben ein ganz anderes Verhältnis dazu, wenn sie verstehen, wie alles zusammenhängt“, meint Dozentin Carmen Hellbrück.

Und noch etwas ist wichtig, um später als ehrenamtlicher Demenzbegleiter in der Einzelbetreuung, in der ambulanten Betreuungsgruppe „Café Malta“ oder beim Tanzcafé „Tanzen gegen das Vergessen“ eingesetzt werden zu können: Geduld und Empathie. „Wer die nicht hat, ist für die Schulung ungeeignet“, weiß Mazella Hirsch, Standortkoordinatorin „Hilfen für Pflegende“ bei den Maltesern. In Bewerbungsgesprächen lässt sie oft ihr Bauchgefühl entscheiden, ob jemand wirklich der oder die Richtige sei für den Umgang mit Demenz-Erkrankten.

Wer die sieben Teilnehmer beim diesjährigen Herbst-Kurs kennenlernt, hat an deren Einfühlungsvermögen keinerlei Zweifel. Einige von ihnen engagieren sich auch jetzt schon ehrenamtlich für Andere. Zum Beispiel im Altenheim, wie Rentnerin Doris Auler. „Es ist schon traurig: In den Demenz-Abteilungen sind kaum Angehörige“, gibt sie zu. „Wenn dann jemand kommt, dann merken die Bewohner es doch manchmal. Es wundert mich manchmal, aber sie kennen mich immer.“ Und wenn sie dann manche von ihnen streichelt oder ihnen einen Kuss gibt, „dann kommt auch immer eine Reaktion.“ Zehn Jahre mache sie schon diese Demenzbegleitung im Altersheim. „Jetzt lerne ich das eben mal, dass ich das auch ordentlich kann“, sagt sie lächelnd.

Auch Studentin Kaysa Matias engagiert sich bereits bei den Maltesern und kennt den Umgang mit Demenz-Erkrankten „Es ist eine Erfahrung wert. Man bekommt einiges zurück“, sagt sie. Und was zum Beispiel? „Indirekt Dankbarkeit. Und auch direkt. Manchmal reicht einfach nur ein Blick oder eine Hand, die sich auf meine legt. Da geht einem das Herz auf.“

Erfahrungen wie diese hat Hans Speicher (61) noch nie gemacht. „Mein Leben war bestimmt von Zahlen, Fakten und Terminen“, blickt der ehemalige Speditionskaufmann zurück. „Das hatte mit Empathie und sozialem Engagement gar nichts zu tun.“ Damit habe er jetzt jedoch abgeschlossen. Zwar habe er nach diesem Berufsabschnitt inzwischen schon etwas für seinen Körper getan und sich ein Fahrrad gekauft, zwar tue er auch etwas für seinen Kopf und habe sich als Gasthörer an der Uni eingeschrieben - „aber das sind halt alles nur Hobbies. Ein schöner Zeitvertreib. Aber nichts, was dem Leben einen Sinn gibt.“ Deshalb habe er sich, nachdem er einen Aushang beim Hausarzt gesehen habe, für die Demenzbegleiterschulung angemeldet. „Ich möchte auch mal soziales Engagement zeigen, was ich in meinem Leben noch nie geleistet habe“, gibt er zu. Wichtig sei ihm, dadurch auch Angehörige zu entlasten. Von seiner Mutter, die seine demente Großmutter über Jahre allein gepflegt habe, wisse er, wie anstrengend das sei. Und nicht zuletzt habe er eine Art von Demenz schon an sich selbst erlebt, als er an Enzephalitis erkrankt war und Probleme hatte, sich zurechtzufinden und Dinge zu finden. „Ich kenne die Gefühle dieser Menschen. Zwar nur in ganz ganz Kleinem. Aber ich kann es ihnen nachfühlen. Sie haben es verdient, dass man ihnen Zeit schenkt – und die habe ich.“

Angela Gebhardt (54), die bei der Stadt Saarbrücken arbeitet, alleinerziehend ist und zwei Kinder hat, hätte eigentlich gar keine Zeit. Und doch ist es ihr wichtig, ein paar Stunden in ihrer Freizeit für andere Menschen zu leisten. Schon jetzt engagiert sie sich im Malteser-Tanzkurs und tanzt mit Betroffenen „gegen das Vergessen“. „Was da zurückkommt…!“ sagt sie. „Und wenn es nur ein Blick ist. Das gibt dem Herzen etwas – so eine Fülle!“

Und nicht zuletzt, so gibt Ruth Ternes (55) zu bedenken, sei niemand davor gefeit, an Demenz zu erkranken. „Wir können alle mal diesen Weg gehen. Und dann möchte ich, dass es dann auch Menschen gibt, die dann vielleicht für mich in diesem Moment da sind.“ Deshalb wolle sie auch jungen Leuten zeigen, dass man sich engagieren sollte, „etwas zu tun und etwas zurückzugeben, wo man in dem Moment auf den ersten Blick vielleicht selbst nichts dafür bekommt.“

Der Bedarf an Demenzbegleitern ist jedenfalls hoch. „Die Anfragen von Angehörigen sind enorm“, berichtet Mazella Hirsch. Inzwischen gibt es bei den Maltesern schon Wartelisten für die Betreuung zuhause oder im Café Malta. Auf der anderen Seite jedoch verzeichnet der Verein in den letzten Jahren ein sinkendes Interesse an den Schulungen. Im letzten Frühjahr musste gar ein Kurs abgesagt werden wegen mangelnder Teilnehmer. Künftig sollen die Kurse im Wechsel in St. Ingbert (Februar/März) und in Saarbrücken (November) stattfinden.

Aus ihren Erfahrungen mit Betroffenen und Angehörigen weiß Mazella Hirsch, dass die Demenzbegleitung eine ganz besondere Aufgabe ist. „Bei vielen entwickelt sich eine ganz starke Bindung. Sehr persönlich und sehr vertrauensvoll“, berichtet sie. Sie selbst erinnert sich an eine Besucherin aus dem Café Malta, deren Demenz schon sehr weit fortgeschritten war und die überhaupt nicht mehr gesprochen habe. Erst im Umgang mit einer Helferin habe sie nach Jahren plötzlich ein paar Worte gesagt. „Da waren wir alle still und haben uns angeschaut, weil wir ihre Stimme gar nicht kannten“, blickt die Koordinatorin zurück.

Manchmal jedoch kann es passieren, dass sich die Betroffenen gar nicht an die Demenzbegleiter erinnern, die regelmäßig bei ihnen sind, um Zeit mit ihnen zu verbringen, die mit ihnen auch mal zusammen backen, singen oder Kaffee trinken. Die Schulung bereitet die Ehrenamtlichen darauf vor, auch mit solchen Erfahrungen umgehen zu können. „Wir brauchen kein ausgesprochenes ‚Danke!‘ für unsere Arbeit“, weiß Angela Gebhardt. „Das spürt man einfach. Und wenn man es nicht spürt, ist es auch in Ordnung. Dann weiß man ja, warum.“

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