Mahler-Spezialist dirigiert Operette in Saarbrücken

Saarländisches Staatstheater : Mahler-Spezialist dirigiert Operette

Dafür, dass er Smartphones und Soziale Medien als üble „Zeit- und Menschlichkeitsfresser“ ablehnt, guckt Yoel Gamzou ziemlich oft auf sein knatschorangenes Handy-Fossil. Aber erstens ist Gamzou, wie er selbst einräumt, eh nicht so „der Phlegmat“.

Und zweitens ist Endprobenphase, da muss er erreichbar sein: Als Vertretung für den in Elternzeit befindlichen Justus Thorau hat Gamzou kurzfristig die musikalische Leitung von Franz Lehárs „Lustiger Witwe“ übernommen, die am Samstag im Saarländischen Staatstheater (SST) Premiere feiert. Dass Gamzou als ausgewiesener Mahler-Spezialist einen Operetten-Klassiker dirigiert, mag zunächst verwundern. Doch entpuppt er sich als enthusiastischer Freund der leichten Muse: „Ich liebe Operette! Es ist mit das Schwerste, was es gibt“, schwärmt er. „Das ist delikat; es ist wahnsinnig sinnlich und verführerisch, darf aber keinesfalls plump werden. Eine große Herausforderung. Es geht immer um das Dehnen der Zeit, um Elastizität. Und um den guten Geschmack – nicht zu viel und nicht zu wenig.“

U-Musik, E-Musik – Gamzou denkt nicht in Schubladen: Privat spielt er als Gitarrist mit seiner Band begeistert Beatles-Titel. „Für mich gibt’s einfach nur Musik“, sagt er. Und deren Qualität macht er unter anderem daran fest, ob sie beziehungsweise der Interpret wahrhaftig ist. Das spüre auch das Publikum, warnt er vor einer Unterschätzung der Hörer. „Wie bin ich am authentischsten?“, lautet denn auch eine seiner beständigen Fragen. „Ich bin ein Suchender“, erklärt Gamzou. Das habe er mit seinem Lehrmeister Carlo Maria Giulini gemeinsam, dessen letzter Schüler er war. Gamzou: „Der Großteil seines Unterrichts bestand in Fragen an mich. Umgekehrt hat er mir nie Antworten gegeben.“ Leute, die wissen, wie etwas geht und wie es richtig ist, gebe es genug, meint Gamzou. Er glaubt nicht an Dogmen und ideale Lösungen, dafür hänge eine Interpretation von zu vielen persönlichen und situativen Faktoren ab. „In Bewegung bleiben“, lautet seine Devise, auch wenn damit eine Unsicherheit verbunden sei, die vielen Musikern erst mal Angst mache. Gamzou: „Es geht darum, eine Struktur einzurichten, in der Flexibilität möglich ist.“

Gamzou, 1988 in Tel Aviv geboren, entstammt einer israelisch-amerikanischen Künstlerfamilie. Seine Kindheit verbrachte er in New York, London und Tel Aviv und lernte mit vier Jahren Cello. Mit sieben Jahren entdeckte er die Musik Gustav Mahlers, woraufhin er schon als Zwölfjähriger beschloss, Dirigent zu werden. „Ich war ein sehr isoliertes Kind“, sagt Gamzou, „introvertiert, schweigsam, seltsam. Als ich Mahler hörte, war das, als ob jemand meine Sprache spricht. In seiner Musik fühlte ich mich zuhause, sie hat mir meine Identität rückgespiegelt.“ Bereits mit 14 machte Gamzou Abitur und ging nach New York, um sich fortzubilden. Zig Versuche eines regulären Studiums in Paris, London und New York scheiterten. „Ich passte in diese Strukturen einfach nicht rein“, sagt Gamzou. Sein wichtigster Mentor wurde Giulini, mit dem er in Mailand bis zu dessen Tode zwei Jahre lang zusammenarbeitete. Gamzou war noch keine 19 Jahre alt, als er 2006 mit dem International Mahler Orchestra (IMO) sein eigenes Orchester gründete, dessen künstlerischer Leiter und Chefdirigent er seitdem ist. Dass er mit 15 sein Elternhaus verließ und so früh ein vielbeachtetes, international besetztes Ensemble formierte, das sich durch innovative Konzertentwicklung auszeichnet: „Das war nicht mutig“, sagt Gamzou. „Das war für mich einfach eine Notwendigkeit!“ Weltweit gefeiert wurde seine 2010 uraufgeführte Vervollständigung der unvollendeten 10. Symphonie Mahlers, die er im vergangenen Jahr auf Einladung des befreundeten SST-Generalmusikdirektors Sébastien Rouland auch in Saarbrücken aufführte.

Zu Gamzous zahlreichen Auszeichnungen gehören der Sonder-Förderpreis des Gustav Mahler Dirigierwettbewerbs der Bamberger Symphoniker (2007) und ein Echo  Klassik in der Kategorie Nachwuchskünstler (2017). Nach festen Stationen als Chefdirigent, Kapellmeister und stellvertretender Generalmusikdirektor in München und Kassel ist Gamzou seit 2017 Generalmusikdirektor am Theater Bremen und übernimmt weiterhin diverse internationale Gastdirigate. So hat er etwa die musikalische Leitung bei dem Opern-Projekt „Die Sieben Tode von Maria Callas“ der von im sehr verehrten Performance-Ikone Marina Abramovic, das im April an der Bayrischen Staatsoper München läuft. Und im Februar wird er am SST das 4. Sinfoniekonzert unter dem Titel „Beginn der Ewigkeit“ dirigieren, mit Gustav Mahlers 9. Sinfonie und der deutschen Erstaufführung von Max Raimis Vertonung dreier Gedichte von Lisel Müller. Gamzou: „Ich fühle mich sehr privilegiert, meiner Berufung nachgehen zu dürfen!“

Premiere „Die Lustige Witwe“: Samstag, 26. Oktober, 19.30 Uhr, SST. Karten, Termine unter Tel. (06 81) 3 09 24 86, www.staatstheater.saarland.de

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