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Kolumne
Leicht schdruddelisch

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Sich aussperren ist was für Blöde, dachte ich - bis Freitagabend. Da war’s noch ordentlich kalt und der Kaminofen verlangte nach Befeuerung. Also runter in den Keller, Tür auf zur Terrasse, und da liegt es schon, das Holz für den Ofen.   Die schwere Sicherheitstür drücke ich vorsorglich hinter mir zu, damit  nicht noch ein unterkühltes Viech  ins Haus rein spaziert. Mit  einem sanften Rumms fällt sie ins Schloss. Und geht von außen auch nicht wieder auf. Alles Rütteln und Ziehen nutzt nichts. Von Michèle Hartmann

Selbst schuld!“, schießt es mir durch den Kopf. – Und das auch noch an dem Tagt, als der Winter nochmals vorbeischaut. Aber es nützt ja nix. Also: Nun bloß nicht in Panik verfallen, auch nicht barfuß, mit offenen Schlappen und in dünner Weste in der Dämmerung. Es ist dies die Kleidung „für dehemm rum“, draußen will man eigentlich so nicht gesehen werden. Rechts wohnt noch niemand, und links ist offenkundig keiner Zuhause. Alles dunkel, keine menschliche  Hilfe ist zu erwarten. Und es könnte auch niemand in der weiteren Umgebung hören, wenn ich ein „Hilfe! Zu Hilfe!“-Gekreisch anstimmen würde. Nun gut, dann müssen wird eben übers Nachbargrundstück Richtung Haustür eilen. Die Arme auf dem Rücken verschränkt, durchquere ich im tiefen Schnee das Areal, das mir nicht gehört. Und summe den Refrain eines Howard Carpendale-Liedchens. „Deine Spuren im Sand, die ich gestern noch fand…“ Seltsam, dass man peinlichen Situationen gerne mit einer fröhlichen Melodie auf den Lippen begegnet.


Oben endlich angekommen und glücklicherweise auch nicht ausgeruscht, geht’s flugs zur Haustür. Die Füße sind schon fast abgestorben. Jetzt noch die Klingel  an der Haustür bemühen, und schon naht die Rettung. Oder auch nicht. Denn der Nachwuchs unterm Dach hört mal wieder nichts. Zwei Häuser weiter wohnt die Oma des Schwerhörigen. Und sie ist auch nicht „uff da Schnerr“, wie sich zeigt. Das Beste jedoch: Sie hat einen zweiten Schlüssel. Den schnappe ich mir und eile nach Hause. Dort angekommen, beginnt der körperliche Auftau-Prozess. Und das Aufräumen mit unverzeihlichen Vorurteilen. So spreche ich mehrmals laut und deutlich vor mich hin: „Die, die sich aussperren, sind nicht blöde. Sondern nur leicht „schdrudddelisch“.