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Lange Nacht der Kunst in Saarbrücken kommt gut bei den Besuchern an

Lange Nacht in Saarbrücken : Kunst-Spaziergang am Abend kommt gut an

Die erste „Lange Nacht der Kunst“ in Saarbrücken war ein großer Erfolg: Das Saarlandmuseum und andere Kunstorte öffneten ihre Tore und wollten gerade junge Leute begeistern.

Freitag, 19.30 Uhr, Parkhaus Staatstheater. Keine Einfahrt möglich, alles besetzt. Es bildet sich eine Schlange. Ob der Ansturm durch „Die lange Nacht der Kunst“ begründet ist? Möglich wär‘s, schließlich liegen drei der insgesamt fünf teilnehmenden Institutionen im unmittelbaren Umfeld: Saarlandmuseum, Saarländisches Künstlerhaus und Stadtgalerie. Ebenfalls involviert sind die Hochschule der Bildenden Künste (HBK) und das KuBa (Kulturzentrum am Eurobahnhof). Moment. Schon wieder eine Kunstnacht? War da nicht erst im Sommer eine? Oder ist das nun die Nachtschwärmer-Edition des Tags der Bildenden Kunst?

Stopp: „Die lange Nacht der Kunst“ läuft nach dem Vorbild der Museumsnächte anderer Städte zum ersten Mal und hat nichts zu tun mit der alternativen „Nacht der schönen Künste“, die im Wesentlichen von der Off-Szene organisiert wird. Es ist auch keine Nacht der offenen Ateliers, auch wenn das möglicherweise der nächste Schritt sein könnte. Denn der Auftakt zieht allerorts auf Anhieb so viele Besucher an, dass noch am gleichen Abend laut über eine Fortsetzung mit verstärkter Einbindung anderer Partner nachgedacht wird – beispielsweise in der Modernen Galerie. Hier sind Sabrina Wilkin und Laura Valentini von der Abteilung Kunstvermittlung für die Organisation verantwortlich und haben sich zum Ziel gesetzt, das Haus zu öffnen – vor allem: mehr junge Leute zu ködern und für aktuelle Kunst zu begeistern.

Und damit nicht nur die Sonderausstellungen, sondern auch die Dauer-Exponate Aufmerksamkeit bekommen, haben sie ihre Fühler zur benachbarten Hochschule für Musik Saar ausgestreckt und schicken die beiden Jazzer Hannes Gajowski (Gitarre) und Olaf Theis (Saxofon) durch die ständige Sammlung: Die Kunst soll sinnlich erfahrbar werden. Denn genau darum geht’s den beteiligten Einrichtungen: Neugierige mit Führungen, Lesungen, Musik, Workshops, Filmvorführungen und Performances auf einen verführerischen Kunst-Spaziergang quer durch die Stadt zu locken – bei freiem Eintritt.

Das kommt offenbar nicht nur bei der jüngeren Klientel bestens an, sondern treibt heterogenes Publikum in die Galerien, auch von jenseits der Grenze: Es sind etliche Franzosen unterwegs. Zur Eröffnung um 18 Uhr ist der Vortragssaal des Saarlandmuseums voll besetzt, und Kultur- und Bildungsministerin Christine Streichert-Clivot hat außer einem Grußwort gleich noch einen Scheck über 8000 Euro für die gesamte Veranstaltung mitgebracht. Überhaupt legt sich die Ministerin im Lauf des Abends mächtig ins Zeug, etwa ins goldene Bällchenbad, das in der ebenfalls brummenden HBK auf Planschgäste wartet. Henrike Kreck, Barbara Reuter, Jutta Schmidt, Klaudia Stoll und Jacqueline Wachall haben sich begleitend zur Vernissage ihrer Gemeinschaftsausstellung „Don‘t look at me, I‘m awesome“ interaktive Aktionen ausgedacht. Agieren statt konsumieren heißt‘s auch beim gut frequentierten Kreativworkshop im Foyer der Modernen Galerie, wo man für einen kleinen Kostenbeitrag Stofftaschen mit Motiven von Kunst-Postkarten bemalen kann.

Im Künstlerhaus warnt ein Schild im Flur vor: „Kunst im Grenzbereich. ACHTUNG! Hier endet die Deutsche Leitkultur“. Dort herrscht gleichfalls reger Andrang, knapp zwei Stunden nach Türöffnung haben sich laut Strichliste schon 160 Besucher durch die laufenden Ausstellungen geschleust. Neugierig schmiegt man sich etwa im Untergeschoss an Christiane Wiens „Mirrors“, styroporene Parabolspiegel, die dezent vor sich hin rauschen. „Hört sich an wie in der Waschküche“, meint eine Besucherin.

Oben ist eine Ecke bestuhlt für die Kurzlesungen, zu denen mehrere Schriftstellerinnen einladen – auch wenn die per Lautsprecher in die anderen Räume übertragene Stimme wegen Erkältung nicht so recht mitspielen will, wie bei der bedauernswerten Kristin Rubra, die krächzend am Wasserglas nippt. Volles Haus auch in der Stadtgalerie: Die Garderobe ächzt unter Jacken und Mänteln, Direktorin Andrea Jahn führt persönlich durch Parastou Forouhars verstörende Ausstellung „Deadlines“ und ist wegen der an ihr klebenden Menschentraube fast nicht zu sehen. „Kommen Sie ruhig näher!“ wirbt Jahn und verweist auf eine ornamentale Schmetterlingswand, die sich bei genauerem Hinsehen als schematische Darstellung von Folteropfern entpuppt. „Keine Abstraktion, die wir leicht von uns wegschieben könnten“, sagt Jahn.

Kreativ-Workshop im Foyer der Modernen Galerie. Foto: Kerstin Krämer

Im KuBa dagegen, wo sich zu vorgerückter Stunde allmählich die Nachtschwärmer sammeln, geht‘s unbeschwert zu. Nach der Vernissage „Lebte die Seife?“ von Vera Kattler (Zeichnungen) und Danilo Pockrandt (Texte) hängt man entspannt an der Bar und trollt sich nur zögerlich Richtung Kantine, wo Henk Nuwenhoudt alias DJ „Henk de Tenk“ zur Abschlussparty heiße Platten in memoriam Woodstock auflegt. Doch obwohl eine Stroboskopkugel zusätzlich stimulierende Lichtflecken durch den Raum schickt und KuBa-Chefin Michaela Kilper-Beer mutig die motivierende Eintänzerin gibt: Vorerst traut sich niemand aufs Parkett. Vielleicht wirkt ja doch noch die Beklemmung der filmischen Dokumentation über die Ermordung von Forouhars Eltern nach, die Opfer des iranischen Terror-Regimes wurden. Aber schließlich hat niemand behauptet, dass Kunst immer leicht konsumierbar sein muss – selbst in einer langen Kunstnacht nicht.